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Anstieg von Kreditrisiken – Was bedeutet das für Risikomanagement und Risikovorsorge?

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie beschäftigen weltweit vermehrt Banken und Finanzdienstleister, da sich die damit einhergehenden Risiken noch nicht komplett in den Büchern niedergeschlagen haben. Lesen Sie hier ein Überblick zu den aktuellen Entwicklungen.

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Anstieg von Kreditrisiken

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie beschäftigen weltweit vermehrt Banken und Finanzdienstleister, da sich die damit einhergehenden Risiken noch nicht komplett in den Büchern niedergeschlagen haben. Insbesondere viele kleinere und mittlere Unternehmen, aber auch Selbständige oder Freiberufler spüren bereits massiv die finanziellen Folgen. Zudem sind ganz Branchen unter Druck bzw. sind bei großen Unternehmen zum Teil erhebliche Einschränkungen bereits spürbar, die sich in Einsparung von Arbeitsplätzen oder angedachten Investitionen manifestieren. Dies kann wiederum zu Problemen bei der Zahlungsfähigkeit bei Privatpersonen führen, beispielsweise bei hohen Raten für bestehende Immobilienkredite. Banken und Finanzdienstleister – insbesondere mit hohen Anteilen bei den betroffenen Portfolien – müssen sich daher mit dem vor der Tür stehenden deutlichen Anstieg von Kreditrisiken beschäftigen und Maßnahmen im Risikomanagement vorbereiten sowie die bilanzielle Risikovorsorge entsprechend überprüfen bzw. modifizieren.

Auch die Bankenaufsicht bzw. die Bundesbank hat mit ihrem Mitte Oktober veröffentlichten Finanzstabilitätsbericht bereits ausführlich auf die entstehenden Gefahren für die Finanzstabilität hingewiesen. Im Bericht wurden insbesondere folgende Problembereiche einer detaillierteren Analyse unterzogen:

  • Unklare globale Erholung der Wirtschaft, d.h. eine langsame Erholung würde sich insbesondere auf die exportorientierte deutsche Wirtschaft niederschlagen und den Erholungsprozess überproportional beeinflussen.
  • Gefahr steigender Unternehmensinsolvenzen (generell sowie verstärkt in einzelnen Branchen): hier herrscht aufgrund diverser Erleichterungsmaßnahmen derzeit Unsicherheit über die tatsächlichen Auswirkungen, jedoch zeigen Simulationen von Modellen der Deutschen Bundesbank, dass die Unternehmensinsolvenzen bis zu 35% in 2021 ansteigen könnten (ausgehend von geringen Basiswerten).
  • Überraschend geringe messbare Auswirkungen bei den Finanzmärkten: die schnelle Erholung beispielsweise bei den Börsenkursen spiegelt die aktuelle Situation (z.B. schlechte Fundamentaldaten von Unternehmen) nicht adäquat wider. Es ist zu befürchten, dass mit Auslaufen einiger Stützungsmaßnahmen Ratingverschlechterungen für Unternehmen einhergehen, welche zu großen Korrekturen an den Finanzmärkten führen könnten.
  • Gefahr für Instabilitäten am Immobilienmarkt: die hohen Preissteigerungen der vergangenen Jahre bei Wohn- und Gewerbeimmobilien gleichermaßen haben mancherorts zu Blasen geführt, welche durch Änderungen wie z.B. Rückgang der Nachfrage bei Gewerbeimmobilien ebenfalls zu Korrekturen führen könnten.

Vielen dieser Szenarien wurde bereits durch Maßnahmen von Politik und Bankenaufsicht entgegengewirkt, aber dennoch stehen nun insbesondere Banken und Finanzdienstleister vor der Herausforderung die Kreditrisiken zu managen. Die Zahlungsfähigkeit geht sukzessive zurück, was dazu führt, dass einerseits bei Bestandskunden Verschlechterungen der Bonität bzw. des Rating eintreten und andererseits zudem die Neu-Kreditvergabe eingeschränkt wird. Laut Finanzstabilitätsbericht machen Kreditforderungen heute bereits 70% der aggregierten Bilanzsumme des deutschen Bankensektors aus, wovon mehr als die Hälfte, bei kleinen und mittleren Banken sogar fast 70% an Unternehmen und privaten Haushalte vergeben wurden.

Daraus ist unmittelbar klar, dass hier die „Musik“ spielt und im Risikomanagement, aber auch im Rechnungswesen dringend Analysen durchzuführen sind und darauf basierend Maßnahmen zur Sicherstellung der Risikotragfähigkeit einzuleiten sind.
Zwar wurde die Eigenkapitalausstattung als Folge der letzten Finanzkrise bzw. den im Nachgang geforderten und umgesetzten regulatorischen Neuerungen fast durchweg erheblich verbessert, was sich durch verschiedene Stresstests der letzten Jahre bestätigt hat, aber dennoch haben Kosten- und Margendruck, Konkurrenzsituation durch neue Player, Zinssituation sowie genereller Druck auf einige Geschäftsmodelle von Banken dazu geführt, dass an manchen Stellen durchaus große Gefahren vor der Tür stehen. Das kann bis hin zur Existenzgefährdung von Instituten führen. Zwar sind die Mechanismen zu Sanierung und Abwicklung von Instituten mittlerweile erheblich fortgeschritten, dennoch sind Dominoeffekte möglich.

Es gibt zwar keine Anzeichen für eine erneute Bankenkrise, aber dennoch werden einige Banken künftig unter Druck stehen, sodass es unabdingbar ist, im Risikomanagement verschiedenste Stressszenarien flexibel und schnell rechnen zu können, um für potenzielle Auswirkungen gerüstet zu sein. Darauf basierend können mit sogenannten „What-if-Analysen“ der künftige Kapitalbedarf bzw. die künftige Risikosituation simuliert werden. Derartige Analysen sind ohnehin bereits Standard im Rahmen der Risikotragfähigkeit, allerdings ist davon auszugehen, dass Intensität, Häufigkeit und Flexibilität der Simulationen deutlich zunehmen werden. Hierfür sind neben fachlichem Know-How vor allem ein adäquates Toolset bzw. intelligente Software erforderlich.

Alle Rechnungslegungsvorschriften fordern zudem, dass man für derartig absehbare Risiken entsprechend vorsorgen muss, d.h. im Endeffekt führen die Ergebnisse aus den Szenarien und Simulationen zu einem erwarteten Verlust, auf dessen Basis Wertberichtigungen vorgenommen werden. Mit einem Anstieg der Wertberichtigungen ist daher voraussichtlich bereits in den Bilanzen von Banken und Finanzdienstleistern in 2020 zu rechnen, wobei sich der Trend 2021 wohl noch fortführen könnte.

Es gilt daher die ebenfalls im Finanzstabilitätsbericht formulierte Forderung:

Banken sollten sich auf erhöhte Risiken angemessen vorbereiten.

Gerne unterstützen wir Sie bei Ihren Überlegungen mit unseren Beratungs- und Softwarelösungen.

Andreas Mach

ist Lead Executive Partner und leitet das Business Consulting Fachcluster bei msg GillardonBSM. Er ist seit vielen Jahren als Autor, Referent, Berater und Experte in den Themen Banksteuerung, Risikomanagement, Controlling, Regulatorik sowie Compliance und Analytics beziehungsweise künstliche Intelligenz tätig. In diesen Themen unterstützt er zahlreiche Projekte in Banken und bei Finanzdienstleistern.

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