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Bankassurance 2.0 – Ein Thesenpapier

Vor welchen Herausforderungen stehen Banken und Versicherer bei den Themen Open Finance, Open Data, digitale Ökosysteme und Bankassurance 2.0? Der Beitrag stellt übersichtlich die Handlungsfelder für die Finanz- und Versicherungsbranche dar.

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Bankassurance

Die Pressemitteilungen und Expertenbeiträge um Open Finance, Open Data, digitale Ökosysteme und Bankassurance 2.0 haben sich in den letzten Monaten regelrecht überschlagen. Doch wo stehen wir heute? Welche Herausforderungen haben Banken und Versicherungen noch vor sich? Wie können sie von der zunehmenden Öffnung des Marktes profitieren, um so das Feld nicht ungeschlagen den BigTechs, FinTechs und InsurTechs zu überlassen? Fest steht: Beide Branchen haben akuten Handlungsbedarf. Dieses Thesenpapier zeigt, an welchen Stellen zu handeln ist.

Thesen aus dem Banking

  • Banken mussten sich durch die PSD2 öffnen. Sie wissen, dass ihre PSD2 Schnittstellen „quick & dirty“ implementiert wurden, jedoch kein Bestandteil eines weiter gedachten Open API – Ansatzes sind.
  • Viele Banken wissen noch nicht, wie sie sich in einer API-Ökonomie positionieren können. Es fehlt Ihnen an einer Strategie, um mit dieser Öffnung umzugehen und durch digitale Monetarisierungsmodelle sowie datengetriebenes Business neue Erträge zu erzielen. Sie sehen ihr Angebot als Produkt, nicht als Service-Angebot.
  • Viele Banken verkennen die Chance, ihre Schnittstellen zum Verkauf digitaler Premium-Services zu nutzen, beispielsweise über digitale API-Service-Marktplätze.
  • PSD2 ist nur der erste Schritt in eine Open Data Economy, in der kundenzentrierte Services zählen, beispielsweise Banking-Services, und nicht die Bank als solche.
  • Banken müssen sich daher über ihre Position und ihre Chancen in einer Open Data Economy im Klaren sein, um das datengetriebene Business nicht den FinTechs & GAFAs zu überlassen.
  • Bei Banken wird die Tiefe der Wertschöpfungskette weiter stark abnehmen (intensive Aufsplitterung der Wertschöpfungskette).

Thesen aus der Versicherung

  • OpenInsurance entwickelt sich bei den Versicherungen mit einigen Jahren Zeitversatz gegenüber den Banken.
  • Aktuell existiert noch kein regulatorischer Druck zur Öffnung von Versichertendaten. Druck kommt seit einigen Jahren durch diverse InsurTechs, die ihre digitalen Versicherungsmanager mit Bestandsinformationen bestücken wollen.
  • Auf Basis der European Data Strategy haben im Januar 2021 EIOPA-Konsultationen begonnen, die in den kommenden Jahren – analog zu PSD2 – zu einer regulatorischen Verpflichtung der Versicherer zur Öffnung der Versichertendaten für Drittanbieter über Makler-/Beratermandate hinaus führen werden.
  • Die Vertrauenswürdigkeit neuer Geschäftsmodelle wird deutlich erhöht, da alle Teilnehmer derselben Regulatorik folgen müssen und dieselben Standards nutzen werden. Die Unsicherheit wird reduziert.
  • Versicherungen arbeiten heute mit sehr hoher Fertigungstiefe. Der Markt für Spezialanbieter, die einen Teil der Wertschöpfungskette übernehmen und/oder Versicherungen, die eine bestimmte Zielgruppe adressieren, wird stark wachsen.
  • Die Öffnung der Versicherungen in Richtung einer Open Data Economy wird die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle beschleunigen. Dies betrifft Versicherungen nicht nur in ihren aktuellen Branchengrenzen, sondern gerade auch im Bankassurance und in (weit) darüber hinaus gehenden Geschäftsmodellen.

Conclusio

  • Die Zusammenarbeit von Banken und Versicherungen im Vertrieb wird für beide Seiten durch die zunehmende Integration lukrativ bleiben bzw. werden.
  • Banken und Versicherer können komplementäre Services aufbauen, indem sie ihre jeweiligen Assets einbringen (Banken: Frequenz, Alltagsrelevanz – Versicherungen: Versicherungsprodukte, Schadennetzwerke, Risikoprävention). Trauen sich Beide, ihr Datenwissen zu teilen, werden sich zwangsläufig neue Geschäftsmodelle ergeben und ein digitales Bankassurance entstehen.
  • DSGVO & Datensparsamkeit setzen einen Rahmen. Dieser darf allerdings nicht als begrenzend betrachtet werden. Zum einen kann über anonymisierte Datenanalysen Mehrwert erbracht werden, zum anderen lassen überzeugende Value Propositions via Customer-Permission nach wie vor alle Möglichkeiten personenbezogener Analysen zu.
  • Überzeugende Value Propositions müssen noch gefunden werden. Neben Banken, Versicherungen, Technologie-Anbietern sowie Finanzvertrieben werden andere Marktteilnehmer hinzukommen.
  • Die Integration spezieller Services zur Verringerung der Fertigungstiefe macht Marktplätze für digitale Services in Bankassurance unausweichlich. Diese werden die Türen in Richtung anderer Branchen öffnen.
  • Banken und Versicherer müssen ihre eigene Rolle im sich abzeichnenden Open Data Ecosystem definieren. Es besteht für Beide eine gute Chance, neue Wege der Asset-Monetarisierung zu finden.
  • Die Analyse der eigenen digitalen Wertschöpfungskette und die Identifikation des eigenen Mehrwertes für endkundenorientierte Ökosysteme muss angegangen werden.
  • Ergebnisoffenheit als Mindset: Banken und Versicherungen werden sich in unterschiedlichen Ökosystemen unterschiedlich positionieren müssen.

Banken und Versicherungen müssen jetzt handeln. Die Analyse der Conclusio führt uns zu derselben Aussage, wie es Florian bereits an anderer Stelle formuliert hat: Die Rolle der Bank bzw. des Versicherers in einer Open Data Economy ist zweitrangig, solange sie klar definiert ist. Nur eines ist sicher: Keine Rolle ist die schlechteste Lösung.

 

An diesem Artikel haben auch mitgewirkt:  Manuel Audi, Markus Nenninger, Markus Kraft und Sebastian Völkl.

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Thomas Haas

ist Wirtschaftsinformatiker und verantwortet bei msg GillardonBSM das Leistungsportfolio "Bancassurance" sowie "Payments für Versicherungen“. Er berät schwerpunktmäßig Banken und Versicherungen in den Themen Prozessdigitalisierung, digitale Ökosysteme, Payments und entlang agiler Transformationsprozesse.

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