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2020: Ein elementares Jahr für die Evolution der FinTech-Industrie

Das letzte Jahr hat die Digitalisierung weltweit beschleunigt. Davon profitiert, unter anderem, auch die FinTech-Industrie. Im folgenden Blogartikel führen wir einige der FinTech Trends für 2021 auf. Lesen lohnt sich! 

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FinTech Industrie

Investorenrunden

Das Battlen zwischen den Banken und FinTechs ist endlich vorbei! Lange standen die zwei Industrien im direkten Wettbewerb, doch das könnte nun der Vergangenheit angehören. Immer mehr FinTechs sowie Banken verstehen, dass gemeinsame Synergien Großes schaffen können und erfolgsversprechender sind. Fast 80% der Finanzinstitute haben inzwischen Partnerschaften mit ihren kleinen Geschwistern, sozusagen,geschlossen. Gleichzeitig schieß das Venture-Capital-Volumen der Branche die letzten Jahre in die Höhe: 2011 steckten weltweit 1,5 Mrd. Euro von Wagniskapitalgebern im FinTech-Sektor, 2018 waren es schon 25,9 Mrd. Euro.

Klar, die COVID-Situation bremste das Investitionswachstum etwas aus. Wie man etwa aus der neuen der comdirect Studie 2021 1, erfahren kann, erreichte die Summe der Investments in Deutschland keinen erneuten Höchstwert. Bis Ende September 2020 wurden 953 Mio. USD Euro investiert. Und das sind 29% weniger als im Vergleichszeitraum des vergangenen Jahres (1,3 Mrd. Euro). „Obwohl 2020 das zweitbeste Fintech-Investmentjahr aller Zeiten in Deutschland sein wird, macht sich die geringere Anzahl von Megarunden mit über 100 Mio. Euro Volumen im laufenden Jahr deutlich negativ bemerkbar“, erklärt Matthias Hach, Bereichsvorstand comdirect, Marketing & Digital Banking Solutions bei der Commerzbank AG. Mit der ersten Welle der Lockdowns und dem Wirecard-Skandal wurde die Entwicklung des Sektors auch noch zusätzlich kurzzeitig gebremst, dennoch nahmen Fintech-Investitionen nach einer gewissen Anpassungszeit wieder Fahrt auf. Die von Innovate Finance2 durchgeführte Studie zeigt, dass die globalen Fintech-Investitionen im Jahr 2020 37 Mrd. Euro erreichen – ein Anstieg von 14 % im Vergleich zu 2019. Die jüngsten Daten zeigen, dass der britische Fintech-Sektor 3,5 Mrd. Euro an Risikokapital angezogen hat und trotz des Brexits weltweit an zweiter Stelle liegt, nur hinter den USA. Deutschland (1,2 Mrd. Euro an Investitionen in 71 Deals), Schweden (1,1 Mrd. Euro an eingeworbenem Kapital), Frankreich (439 Mio. Euro) und die Schweiz (274 Mio. Euro) folgen auf der Liste direkt hinter Großbritannien, was den Post-Brexit-Fokus des Risikokapitals in Europa verdeutlicht.

Risikokapitals in Europa

Abbildung: Risikokapital in Europa

Im Bereich der Investitionen zeichnet sich aber in den letzten Jahren ein signifikanter Trend ab: Die Investoren werden wählerischer. Es werden zwar größere Summen als je zuvor investiert, dafür haben sich aber die Wagniskapitalinvestitionen für Start-Ups, die noch in der Entwicklungsphase sind, halbiert.

Künstliche Intelligenz, Big Data und Maschinelles Lernen

Wir wir wissen, sind neue Technologien, allem voran die KI eher mit dem Motto „Evolution statt Revolution“ zu betrachten. Die Experten des Berichts „AI in Fintech Market – Growth, Trends, Forecasts (2020-2025)“ von Research and Markets vom Juni 2020 aber schätzten den globalen KI-Fintech-Markt auf 6,67 Milliarden US-Dollar im Jahr 2019 und erwarten, dass er bis 2025 mit einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von 23,37 Prozent auf 22,6 Milliarden US-Dollar anwachsen wird (2020-2025). „Die steigende Nachfrage nach Prozessautomatisierung bei Finanzinstituten treibt den Markt an“, heißt es in dem Bericht. „Prozessautomatisierung ist einer der Haupttreiber für künstliche Intelligenz in Finanzinstituten. Sie entwickelt sich jedoch weiter zur kognitiven Prozessautomatisierung, bei der KI-Systeme noch komplexere Automatisierungsprozesse durchführen können.“

Das heißt aber auch, dass die eingesetzten KI-Technologien noch lange nicht den Fokus auf den Kunden legen werden, sondern eher intern verwendet werden, beispielsweise bei Risikobewertungen oder Credit Scoring, um eben FinTech-Lösungen zu verbessern. Dahingehend gelten intensive Nutzertests mit datengetriebenen Verbesserungen als ein größerer Erfolgslieferant.

Digitale Transformation ist ein Marathon, kein Sprint

Wie schon vorher kurz angesprochen, erkennen immer mehr FinTechs und etablierte Finanzinstitute die Vorteile von belastbaren Partnerschaftsmodellen. Viele FinTechs können sich mit ihrem eingeschränkten Produktangebot und limitierten Vertriebsstrukturen nicht mehr so stark vermarkten wie in der Anfangsphase. Deshalb suchen sie aktiv nach Partnern, um ihr Geschäft skalieren zu können. FinTechs zeichnen sich als Partner für Banken daher wertvoll aus, weil sie mehr Geschwindigkeit, höhere Risikobereitschaft und bessere Flexibilität auf Marktveränderungen zu reagieren, anbieten. Die Banken können, gerade jüngeren, FinTechs kompetent bei Compliance- und Regulierungsfragen kompetent zur Seite stehen. Eine Win-Win-Situation, der wir uns als Beobachter schon lange bewusst sind.

Auch bankenseitig war die Vorsicht vor FinTech-Kooperationen lange Zeit ein Showstopper, vor allem, was ihr Kerngeschäft betrifft. Denn die Daten, die die Banken jahrzehntelang sammeln konnten, sind für FinTechs natürlich hochinteressant. Angesichts dessen, dass die FinTechs aber auch durchaus viele Vorteile mit sich bringen, unter anderem die Digitalisierung voranzutreiben und neue Märkte aufzuschließen, sind nun auch die Alteingesessenen angespornt auf diesen Wegen zu kooperieren. Hier werden wir 2021 wohl viele neue Partnerschaften und Unternehmenskäufe sehen können.

Plattform-Ökosysteme, Embedded Finance und Super-Apps

Strukturell gibt es erhebliche Unterschiede zwischen chinesischen und westlichen FinTech-Ökosystemen. Während in China hauptsächlich Technologieriesen auf der Grundlage ihrer Kaufplattformen erfolgreich Finanzökosysteme aufgebaut haben und diese durch Innovation schnell wachsen konnten, sind es in Amerika und Europa besonders die BigTechs und FinTechs, die sich auf einzelne Felder, wie Zahlungsverkehr, Kreditwesen oder Vermögensverwaltung konzentrieren und ihren Markt durch Produktverbesserung, Portfolioerweiterung und geografische Skalierung aufbauen konnten. Angefangen bei Liefer-Startups und Einzelhändlern, die Multi-Channel-Zahlungen einbetten, erleben wir nun, wie Google in Amerika Girokonten anbietet, wie Amazon Autoversicherungen in Indien verkauft und wie Walmart ein Fintech-Startup gründet. Umgekehrt hören wir, dass südkoreanische Banken begonnen haben, Essensbestelldienste in ihre Mobile Apps einzubauen. Worauf ich hinaus will, ist, dass wir gerade beobachten, wie größere Einzelhändler zu sogenannten „Super-Apps“ mutieren, während die Banken beginnen, sich mit bankfremden Dienstleistungen zu befassen, um sich über Wasser zu halten und relevant zu bleiben. Im Jahr 2021 werden wir wahrscheinlich mehr Marktplatzbanken, eine Reihe neuer Super-Apps und viele branchenübergreifende Partnerschaften sehen – alles mit dem Ziel, die Anforderungen der vernetzten Verbraucher zu erfüllen.

Krypto-as-a-Service

Revolut führte vor Kurzem einige Funktionen für den Handel mit Kryptowährungen ein, und es wurde als riskanter Schritt eingeschätzt. Jetzt behauptet die Neobank, dass die Nachfrage von Kunden nach Kryptowährungsdiensten sprunghaft angestiegen ist und sie im Zeitraum von Dezember bis Januar rund 300.000 Neukunden für digitale Vermögenswerte gewonnen hat. Auch die Solarisbank ließ sich in diesem Geschäftsfeld nicht abhängen und hat eine API auf den Markt gebracht, mit der ihre Kunden Krypto-Assets verwahren können. Bitwala hat das bereits implementiert. Bei Bitwala können Kunden direkt aus der Banking-App Ether und Bitcoin kaufen und verwahren.

Was ich als ein deutliches Indiz für diesen Trend sehe, ist, dass seit Oktober 2020 die aktiven Nutzer von PayPal in den USA Kryptowährungen über ihre PayPal-Konten kaufen und verkaufen können. Normalerweise fungiert PayPal als Pionier bei der Adaption von nicht-traditionellen Finanzdienstleistungsströmen und somit kann der Einstieg des FinTech-Giganten in das Feld als Beginn eines neuen Trends betrachtet werden. Analysten erwarten, dass PayPal‘s Kryptogeschäft im Jahr 2021 bis zu 600 Millionen Dollar zum Konzernumsatz3 beitragen wird, was auch andere Finanzdienstleister inspirieren dürfte. Die Massenadoption scheint auf dem Weg zu sein.

Quellen

Markus Nenninger

ist Diplom-Informatiker und leitet bei msg GillardonBSM die Abteilung Payments Consulting. Er hat langfährige Berufserfahrung in der Finanzdienstleistungsbranche und dem Zahlungsverkehr sowie in der Durchführung internationaler und komplexer Transformationsprojekte für namhafte Finanzdienstleister. Darüber hinaus ist er zertifizierter Senior Projektmanager nach IPMA und Mitglied des Frankfurt Payments Network.

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