Blogpost

PSD2 als Türöffner der digitalen Ökosysteme

Die PSD2-Schnittstellen der Banken sind implementiert und damit sollte der große Wandel im europäischen Zahlungsverkehrsmarkt abgeschlossen sein. Ist das wirklich so? Der folgende Beitrag klärt auf.

60
7 Minuten Lesezeit
PSD2 Türöffner

Die PSD2-Schnittstellen der Banken sind implementiert und werden durch lizensierte Drittanbieter angesprochen. Verhältnismäßig unspektakulär mag es wirken. Aber ist der große Wandel im europäischen Zahlungsverkehrsmarkt damit wirklich abgeschlossen oder befinden wir uns in der Ruhe vor dem Sturm?

Was tut sich wirklich in den IT-Abteilungen der Banken? Was heißt das bezogen auf deren strategische Ausrichtung am Markt?

Stichtag 14. September 2019 – die Frist zur Umsetzung aller Vorgaben der neuen Richtlinie endet. Doch es hat sich mehr getan als nur die reine Pflichterfüllung. Neben der PSD2-Schnittstelle stehen weitere APIs (Application Programming Interface) für FinTechs und Kooperationspartner zur Verfügung.

Die Deutsche Bank bietet beispielsweise neben den verpflichtenden Schnittstellen zahlreiche weitere sogenannte „Premium APIs“ an. Diese APIs können kostenlos für die Entwicklung in einer simulierten Umgebung genutzt werden, werden jedoch bei tatsächlicher Inanspruchnahme monetarisiert. Andere Banken arbeiten ähnlich, können jedoch noch nicht mit der funktionalen Breite des Angebots mithalten und sind noch auf der Suche nach Monetarisierungsmodellen. Zur Präsentation der neuen Produkte stellen Banken API-Portale oder Developer-Portale bereit. In diesen wird neben dem Angebot vorhandener Schnittstellen auch über die Implementierung zukünftiger Schnittstellen berichtet.

Zudem wird auch noch ein weiteres wichtiges Gut angeboten: Die Kooperation. Die großen Banken bieten es allen an! Mal ganz locker nach dem Motto „Hey, du hast eine gute Idee, wie man neue Schnittstellen einsetzen kann, dann schreib uns“. Mal etwas kompetitiver wie bei der Commerzbank, die insgesamt nur 20 exklusive Partner aufnimmt1. Das selektive Auswählen wird dadurch bestätigt, dass, Stand heute, noch Plätze in dem Kooperationsprogramm zur Verfügung stehen. Gelockt wird mit exklusivem IT-Know-How, Förderung der Idee und Unterstützung bei der Umsetzung.

Heutiger Stand

Aktuell befinden sich einige Banken in der sogenannten Marktbewährungsphase, welche meist wenige Monate lang dauert. Das heißt, dass sie ihre PSD2-Schnittstelle überwachen lassen und bei vollständiger Funktionalität eine Ausnahmegenehmigung von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) erhalten. Sie müssen dann nicht länger doppelgleisig fahren und Schnittstellen basierend auf älteren Technologien als Notfallmechanismus anbieten. Bei erfolgreichem Abschluss der Testphase müssen Kooperationspartner und insbesondere FinTechs ihre Zugriffsmechanismen anpassen. Ansonsten droht im schlimmsten Fall der Ausfall der Kerngeschäfte. Die Sparkasse ist die erste Bank, die die Ausnahme im Januar 2020 beantragt hat. Eine vollständige Liste aller sich in der Marktbewährungsphase befindenden Institute wird auf der Internetseite des BaFin angeboten.

Eine neue Harmonie?

Für FinTechs ist die Umstellung ein ebenso präsentes und aufwändiges Thema wie für Banken. Fehlende Standards bei der Umsetzung der PSD2-APIs führen zu heterogenen Schnittstellen und zu hohem Mehraufwand auf der Seite der Drittanbieter.

Internationale Institutionen wie die Berlin Group oder STET wirken dem entgegen, indem sie API-Frameworks zur Harmonisierung der Schnittstelle bereitstellen. Dennoch sind die Auswirkungen teilweise enorm. Nutzer von Multibanking-Apps erfahren noch immer Einschränkungen, welche auf die Umstellung auf PSD2 zurückzuführen sind und bekommen beispielsweise Buchungen doppelt angezeigt oder haben Probleme beim Login. Denn ohne saubere Schnittstellen gibt es keinen fließenden Datenaustausch.

Doch die Probleme sind bekannt und wurden ausführlich diskutiert. Weiterhin ist davon auszugehen, dass die Probleme zwar nicht von geringem Ausmaß aber dennoch kurzfristig relevant sind. Da stellt sich die Frage: Welche langfristigen Auswirkungen und Veränderungen deuten sich durch die Einführung der PSD2-Schnittstelle an? Welche strategischen Positionen nehmen Banken, FinTechs aber auch andere Marktteilnehmer ein?

Ein Marktüberblick

Betrachtet man die größten Banken Deutschlands, stellt man fest, dass zumindest grundlegend Einigkeit herrscht: Die Rolle der Bank verändert sich. Sicherlich entwickeln sich Banken jeher weiter und passen sich, wenn meist auch eher langsam, an die Gegebenheiten an. Doch dieses Mal scheint es gravierender. Durch die Zugriffsmöglichkeit auf Kundendaten für Externe findet eine gewisse Liberalisierung des Marktes statt. Das Start-Up aus der Provinz kann – nach Zustimmung des Kunden – plötzlich Services anbieten, die bisher nur Banken vorbehalten waren. Es muss zudem nicht einmal ein Start-Up aus einer deutschen Provinz sein. Die PSD2-Schnittstelle bildet einen europaweiten Standard, wodurch Start-Ups aus verschiedenen Ländern schlagartig zu Konkurrenten werden. Ein gutes Beispiel ist das auf PSD2-Schnittstellen zugreifende InsurTech CLARK, welches sich als Ziel gesetzt hat, die zentrale Versicherungsplattform in Europa zu werden. Das zeigt, dass die Einführung einer solchen technischen Schnittstelle weitreichende Konsequenzen hat. Und auch an Banken geht diese Entwicklung nicht einfach vorbei – sie denken um.

... it goes beyond the spirit of co-operation. It sees Open Banking as the dawn of a new era, where the very corporate structure of banking institutions will have to change to adopt to the growing and changing demands of customers.2

Mark Buitenhek Head of Transaction Services, ING

Weg vom Portal – hin zur Plattform

Mittlerweile bietet jede Bank ihren Kunden das Online-Banking an. Der Kunde loggt sich sicher über eine Maske auf dem Portal des entsprechenden Geldinstituts ein und kann dort auf alle typischen Funktionen zugreifen, die das Kernbankengeschäft abdecken: SEPA-Überweisungen, Daueraufträge, Finanzstatus einsehen, etc. Zusätzlich bieten einige Banken weitere Services an, die sie entweder selbst entwickelt haben oder beispielsweise in Kooperation mit einem FinTech anbieten. Ein typisches Portal eben – wie man es kennt.

Neuartige Ansätze gehen darüber hinaus und zeigen die Zukunft des Bankings in digitalen Ökosystemen. Insgesamt lassen sich Banken in folgende vier Kategorien der strategischen Positionierung einteilen:3

  1. Digital Service Provider
  2. Orchestrator
  3. Producer
  4. Consumer

Ein Digital Service Provider bietet seine Produkte online auf seinem eigenen Portal an. Das hat den Vorteil, dass die Kunden dann auch innerhalb des Portals weitere Angebote „entdecken“ werden und im Haus bleiben. IKEA-Stil. Mit einem Aber: Ist deine Angebotsauswahl allein auch attraktiv genug, um deine Kunden zu halten?

Ein Orchestrator ist der Besitzer eines Marktplatzes bzw. einer Plattform. Die Bank zieht sich dabei als Anbieter teilweise zurück und übergibt FinTechs die Möglichkeit, sich anzubieten. Das den eigenen Kunden angebotene Portfolio wird dabei um einige Services erweitert und durch die Aggregation von Innovation attraktiver. Der Organisationsaufwand ist dennoch hoch, ohne Produkte und andere Spieler fehlt der essenzielle Netzeffekt.

Ein Producer nutzt den Vorteil eines Marktplatzes. Eine Bank entwickelt beispielsweise Produkte und Services, die sie auf fremden Plattformen, möglicherweise aber auch der eigenen Plattform anbietet. Das zeigt, dass eine Bank als Akteur innerhalb eines digitalen Ökosystems mehr als eine Rolle in einem einnehmen kann.

Auch für Consumer bieten sich neue Chancen. Direkte B2B-Lösungen wie PSD2-Lizenz oder der Ansatz „Banking as a Service“ sind möglich. Außerdem können sich Banken und FinTechs gegenseitig Services oder Produkte anbieten, aus deren Kombination noch attraktivere Angebote für Endkunden ermöglicht werden können.

1+1 > 2

Jede Rolle hat seine Vorteile und unterschiedliche Herausforderungen. Zum Beispiel kann sich eine Bank mit großem Angebotsumfang als ein starker Producer für andere Plattformen positionieren und ein FinTech mit großer Online-Nutzerbasis eher als ein Orchestrator, das Angebote von Externen anbietet.

Mit PSD2 als Türöffner für andere Provider müssen sich Banken auf einer neuen Position in der digitalen Finanzwelt beweisen. Betrachtet man das Online-Angebot der Deutschen Bank sowie der Sparkasse entwickeln sich diese beiden bereits in Richtung Plattform. Aber es geht in die andere Richtung, wie das Beispiel Check24 beweist. Die Vergleichsplattform gründet dank Vollbanklizenz nun ihre eigene Bank „C24“, wird allerdings nur ein Standard-Girokonto mit EC-Karte anbieten. Alle weiteren Finanzprodukte und –Services werden von Start-Ups, Dienstleistern und anderen Banken auf ihrer Plattform angeboten. Voraussichtlich im Oktober 2020 werden die ersten Kunden darauf zugreifen können. Die C24 könnte die etablierten Banken in kurzer Zeit bezüglich des Plattform-Gedankens überholen.

Ein wichtiger Begriff ist bislang noch nicht gefallen: digitale Ökosysteme. Plattformen verbinden Angebot und Nachfrage, aber um einer Plattform Reichweite zu geben, müssen auch weitere Plattformen angeschlossen werden. Es bilden sich kleine Ökosysteme, welche von Orchestratoren verwaltet werden und in Konkurrenz zueinanderstehen. Weitere Plattformen werden in bestehende Ökosysteme integriert, lassen diese wachsen und kleinere Ökosysteme nicht überleben. Denn das ist die Natur des Ökosystems. Wenn du interessiert bist, warum das so ist und was ein gutes Ökosystem ausmacht, wirf gerne einen Blick in die Studie “Banking Insight”.

Es lässt sich schwer abweisen, dass deutsche Banken bereits mit der Transformation begonnen haben. Nicht alle auf die gleiche Art und Weise und nicht alle in die gleiche Richtung. Aber es ist zu hoffen, dass jede Bank ihre individuellen Stärken richtig deutet und dementsprechend die bestmögliche strategische Position einnimmt.

Zum Mitnehmen

Neue Spielregeln erfordern eine neue Strategie.

Banken sehen Start-Ups/FinTechs nicht als Konkurrenz, sondern arbeiten an Kooperationen mit ihnen. Aber es geht über die Kooperation hinaus – Plattformen rücken vor.

Wie wird die Einführung der PSD2-Schnittstelle die Marktverhältnisse zwischen Banken, FinTechs und Plattformanbietern verändern? Welche der etablierten Banken wird seine klassische Rolle abgeben? Ist die Veränderung für dich schon spürbar?

Quellen
Runchida Kaewngoen

Runchida Kaewngoen

ist bei msg GillardonBSM als IT-Consultant tätig und betreut Großbanken im Kundenprojekten. Ihre fachliche Themen sind Open Banking und Payment Analytics.

Schreiben Sie einen Kommentar

Sie müssen sich anmelden, um einen Kommentar zu schreiben.