Das neue Altersvorsorgedepot kommt: „Banken müssen sich jetzt mit Themen beschäftigen, die es für sie bisher so nicht gab.“
Interview mit Torsten Kusmanow | Head of Business Development Financial Services | msg for banking über das neue Altersvorsorgedepot (AVD): Welche Chancen ergeben sich für Banken? Auf welche Herausforderungen müssen sie sich einstellen?
- Was bedeutet das neue Altersvorsorgedepot für Banken und Fondsgesellschaften?
- Wie schaffen es Banken und Fondsgesellschaften, zum 1. Januar 2027 startklar zu sein?
- Mit welcher Vertriebsstrategie werden Banken Neukunden und wechselwillige Alt-Riester-Kunden überzeugen, bei ihnen auf das neue AVD zu wechseln?
- Was ist zu tun, um alle regulatorischen Anforderungen zu erfüllen?
Mit der zum 1. Juni 2026 verabschiedeten Reform des Altersvorsorgezertifizierungsgesetzes (AltZertG) hat der Gesetzgeber die Altersvorsorge auf neue Füße gestellt. Ab dem 1. Januar 2027 können Finanzdienstleister das neue Altersvorsorgedepot (AVD) anbieten.
Welche Chancen ergeben sich daraus für Banken? Auf welche Herausforderungen müssen sie sich einstellen? Darüber haben wir mit unserem Experten Torsten Kusmanow, Head of Business Development Financial Services, gesprochen.
Übrigens: Bei msg for banking duzen wir uns über alle Hierarchien hinweg und behalten dies auch bei unseren Interviews mit Kolleginnen und Kollegen bei. Wir wünschen Ihnen eine interessante Lektüre!
Hallo Torsten, Produkte zur Altersvorsorge waren bislang eine Domäne der Versicherungen. Was bedeutet das neue Altersvorsorgedepot für Banken und Fondsgesellschaften?
Torsten Kusmanow: Für Banken und Versicherungen ergibt sich daraus eine völlig neue Situation. Bisher haben Banken im Altersvorsorgebereich mit Versicherungen oder Bausparkassen zusammengearbeitet. Wenn eine Bank also bisher Altersvorsorge angeboten hat, dann war das in der Regel ein Versicherungsprodukt, wie zum Beispiel eine Kapitallebensversicherung oder ein fondsgebundenes Produkt, im Falle von Riesterverträgen auch Rentenversicherungen oder Riester Banksparpläne. Vor allem letzteres wurde aufgrund der Niedrigzinsphasen schon länger von Banken nicht mehr angeboten.
Neu ist nun, dass die Banken ab 1. Januar 2027 selbst ein staatlich gefördertes sogenanntes Altersvorsorgedepot (AVD) anbieten können – in einer Basisversion und in einer Premiumvariante. Die Basisversion wird ein Depot sein, das durch das Bundeszentralamt für Steuern zertifiziert und an die Zentrale Zulagenstelle für Altersvermögen (ZfA) angebunden werden muss.
Eröffnet ein Kunde ein solches AVD, dann kann er dort bis zu 6.840 Euro im Jahr investieren: in ETFs, Fonds, in alles, was die Bank für dieses Depot anbietet. Nicht zu vergessen ist auch die Anbindung an die Zentrale Stelle für die Digitale Rentenübersicht (ZfDR).
Für die Bank eröffnen sich damit ganz neue Möglichkeiten, denn sie kann Kunden nun an Aktienprodukte binden. Das ist insofern interessant, als dass wir in Deutschland immer noch eine eher schwach ausgeprägte Aktienkultur haben. Der Großteil der deutschen Bevölkerung legt sein Geld immer noch vorwiegend auf Tages- oder Festgeldkonten an. Mit dem AVD kommt jetzt ein ganz neues Modell dazu. Ein Modell, mit dem die Banken ihre Sparerinnen und Sparer dabei unterstützen, für ihre Rente über ein staatlich gefördertes Produkt am Kapitalmarkt zu partizipieren.
Diese Neuerungen werden dazu führen, dass sich Banken und Versicherungen im Bereich der Altersvorsorge auf einmal als Wettbewerber gegenüberstehen.“
Für die Banken ergeben sich dadurch erhebliche Chancen, denn Riester-Sparerinnen und -Sparer werden nun versuchen, ihre Verträge zu kündigen und in ein modernes Altersvorsorgedepot zu überführen.
Neu ist auch die sogenannte Frühstartrente, ein staatliches Förderprogramm der Bundesregierung für Kinder und Jugendliche. Damit sollen Familien beim frühzeitigen Vermögensaufbau für den Ruhestand unterstützt werden. Konkret heißt das: Der Staat zahlt für Kinder und Jugendliche ab dem sechsten Lebensjahr monatlich 10 Euro in ein spezielles Wertpapierdepot ein, und zwar ohne bürokratischen Antrag und unabhängig vom Einkommen der Eltern Das Geld wird automatisch in Investmentfonds oder ETFs angelegt, um Zinsen und Kursgewinne zu nutzen.
Diese ganzen Neuerungen werden meiner Einschätzung nach dazu führen, dass sich Banken und Versicherungen im Bereich der Altersvorsorge auf einmal als Wettbewerber gegenüberstehen. Und das, nachdem sie in diesem Segment bisher miteinander gearbeitet haben. Dazu kommt, dass Fondsgesellschaften, die bislang am Markt keine große Rolle im Endkundengeschäft gespielt haben, nun auch als Direktanbieter im Markt auftreten werden.
Die Banken müssen sich jetzt mit Themen beschäftigen, die es für sie bisher nicht in diesem Umfang in der Altersvorsorge gab.“
Fünf Säulen für ein marktfähiges Altersvorsorgedepot - unser umfassendes Unterstützungsangebot
Wir kombinieren strategische Beratung, zertifizierte Software und operativen Betrieb — für das Altersvorsorgedepot 2027 aus einer Hand.
Es gibt also viel Marktpotenzial. Wie schaffen es Banken und Fondsgesellschaften, zum 1. Januar 2027 auch wirklich mit einer, möglichst rechtssicheren, skalierbare Plattform startklar zu sein?
Torsten Kusmanow: Das ist ein heikler Punkt. Denn um dieses Altersvorsorgedepot regulatorisch sicher aufzustellen, müssen Banken eine sogenannte Zulagenverwaltung an ihre Depots anbinden. Diese war bisher nur über die Riester-Anbieter technisch hinterlegt. Das ist also ein völlig neues Thema, das merken wir gerade auch im Markt.
Die Banken müssen sich jetzt mit Themen beschäftigen, die es für sie bisher nicht gab. Zum Beispiel muss jeder Depotinhaber am Ende eines Jahres ein ganzes Paket an Unterlagen und Bescheinigungen bekommen. Also muss die Verwaltungssoftware, das Zulagenmanagement, mit der Depotsoftware verbunden werden. Im On-Boarding-Bereich müssen Antragsstrecken gebaut werden, denn sobald ein Kunde das Depot eröffnet, muss er seine Stammdaten in der Zulagenverwaltung hinterlegen, inklusive Steuernummer und allem, was dazugehört. Auch Kinder, für die Kinderzulage beansprucht werden soll, müssen dort angelegt werden usw.
Genau hier gibt es nun großen Beratungsbedarf bei den Banken – nicht nur technisch- und softwareseitig, sondern auch ganz klassische Unterstützung im Bereich Customer-Service beziehungsweise Operations. Genau diese Unterstützung können wir im Verbund mit Unternehmen der msg-Gruppe anbieten: msg for banking übernimmt die strategische Beratung, Compin die Business Process Services und msg life die Zulagenverwaltung als SaaS oder On-Premise.
Mit welcher Vertriebsstrategie werden Banken Neukunden und wechselwillige Alt-Riester-Kunden überzeugen, bei ihnen auf das neue AVD zu wechseln? Der Wettbewerb ist ja da, wie oben schon gesagt.
Torsten Kusmanow: Wir werden in den nächsten Monaten von Banken große Marketingkampagnen sehen, denn neben den Versicherungen stehen sie auch im Wettbewerb mit den Neo-Brokern. Ich gehe davon aus, dass das AVD gerade den Neo-Brokern nochmal einen richtigen Schub geben wird. Die haben schon bisher damit geworben, dass man bei ihnen ganz einfach mit ETFs sparen kann. Und auch das Kinderdepot ist bei ihnen schon länger ein großes Thema.
Zum anderen wird es interessant sein zu sehen, mit welcher Kommunikationsstrategie Versicherungen auf ihre Alt-Riester-Kunden zugehen. Denn die Versicherer werden ihren Kundinnen und Kunden natürlich etwas anbieten, um die befürchteten Kapitalabflüsse zu verhindern. Wahrscheinlich werden sie auf den sogenannten Garantiemantel verweisen. Das heißt, dass sie in der Lage sind, ein Produkt anzubieten mit einem Todesfallschutz und späterer Verrentung. Denn die Frage, wie später der Auszahlplan aussieht, ist bei den Banken noch offen. Das wird tatsächlich ein gravierender Wettbewerbsunterschied sein.
Stichwort Produktzertifizierung. Was ist zu tun, um alle regulatorischen Anforderungen zu erfüllen?
Torsten Kusmanow: Das ist ein wichtiger Punkt, denn alle AVD-Produkte, die ab dem 1. Januar 2027 angeboten werden, müssen zertifiziert sein.
Die Zertifizierung erfolgt offiziell durch das Bundeszentralamt für Steuern (BZSt). Wer ein Altersvorsorgedepot anbieten möchte, muss die Zertifizierungskriterien im Produkt erfüllen, um die staatliche Förderung und den Sonderausgabenabzug zu sichern.
Eine neue Herausforderung ergibt sich daraus, dass der Anbieter für die Beantragung der Zertifizierung zunächst nur versichern muss, alle Bedingungen zu erfüllen. Die Zertifizierungsnummer wird dann mit Einreichung aller Unterlagen direkt vergeben. Das BZSt prüft also nicht mehr erst, bevor das Produkt zertifiziert wird. Der Gesetzgeber gewährt hier den Anbietern einen Vertrauensvorschuss aufgrund der Erfahrung aus der Vergangenheit. Außerdem würde das BZSt vermutlich den Ansturm nicht bis zum 01.01.2027 bewältigen können. Da das BZSt natürlich trotzdem eine Prüfung durchführen wird, gibt es entsprechende Regelungen, was bei Verstößen gegen die Zertifizierungskriterien passiert. Hier sollte man also sicher sein, dass man wirklich alle Kriterien erfüllt. Zwar gibt es auch die Möglichkeit, direkt die Prüfung vom BZSt einzufordern, aber erstens sind dafür die Kosten höher und zweitens ist dann unklar, wann die Zertifizierung erteilt wird. Das dürfte dann sehr wahrscheinlich einen Start zum 01.01.2027 gefährden.
Für die meisten Banken wird es schon allein zeitlich fast nicht mehr möglich sein, bis zum Stichtag am 1. Januar 2027 die komplette personelle und technische Infrastruktur aufzubauen.“
Außerdem ist die automatisierte Anbindung an die Zentrale Zulagenstelle für Altersvermögen (ZfA) Pflicht, inklusive Zulagenbeantragung, Verwaltung und Korrekturläufen. Und dazu kommen noch steuerliche Melde- und Dokumentationspflichten in der Anspar- und der Auszahlungsphase.
Das bedeutet, dass es für die meisten Banken schon allein zeitlich fast nicht mehr möglich ist, bis zum Stichtag am 1. Januar 2027 die komplette personelle und technische Infrastruktur aufzubauen, um ein AVD-Produkt rechtzeitig anzubieten.
Das bedeutet, dass die Institute, um ihre Chance zu nutzen, einen Partner wie die msg brauchen, der sie vom Start weg, über alle Prozessstufen berät und die Themen mit ihnen gemeinsam umsetzt. Von der Produktausgestaltung, über die Customer Journey, Vertriebs- und Serviceschulungen hin zur Zertifizierung bis zum laufenden Betrieb umfassend unterstützt.
