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Minimum Viable Compliance: Wie FinTechs regulatorisch handlungsfähig werden, ohne sich zu überfordern

Viele FinTechs scheitern an Compliance nicht wegen der Regulierung selbst, sondern an falscher Priorisierung – entweder zu wenig oder zu viel. Der Schlüssel liegt in einem schlanken Setup, das genau das liefert, was regulatorisch und partnerseitig wirklich zählt.

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Minimum Viable Compliance & FinTechs

Compliance gilt in vielen FinTech-Teams als notwendiges Übel: teuer, langsam, und irgendwie immer im Weg. Das führt zu zwei gleichermaßen problematischen Extremen. Entweder wird Compliance so lange wie möglich ignoriert, mit dem Risiko, dass regulatorische Mängel den Markteintritt blockieren oder Partner abschrecken. Oder es wird versucht, von Anfang an alles perfekt aufzusetzen, mit dem Risiko, dass eine überengineerte Compliance-Struktur das Unternehmen finanziell und operativ überfordert, bevor es überhaupt live ist.

Es gibt einen besseren Weg. Wir nennen ihn Minimum Viable Compliance.

Was Minimum Viable Compliance bedeutet – und was nicht

Minimum Viable Compliance bedeutet nicht, möglichst wenig zu tun. Es bedeutet, genau das zu tun, was regulatorisch erforderlich und partnerseitig erwartet wird, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Der Unterschied ist entscheidend: Ein MVP in der Produktentwicklung liefert das Minimum, das echten Nutzen schafft. Ein Minimum-Viable-Compliance-Setup liefert das Minimum, das regulatorische Handlungsfähigkeit schafft.

Das setzt voraus, zwischen drei Kategorien zu unterscheiden: Was ist gesetzlich zwingend erforderlich? Was ist regulatorisch erwartet, aber mit Augenmaß gestaltbar? Und was ist Best Practice, aber für die aktuelle Phase noch nicht notwendig?

Die Kernelemente eines MVP-Compliance-Setups

Für ein FinTech in der frühen Phase, typischerweise vor oder unmittelbar nach Lizenzierung, sind folgende Elemente nicht verhandelbar.

Ein dokumentiertes AML/KYC-Framework ist die Grundvoraussetzung für jeden regulierten Betrieb und für jede Bank- oder Partnerbeziehung. Es muss nicht hundert Seiten umfassen, aber es muss klar definieren, wer identifiziert wird, nach welchen Kriterien, mit welchen Tools und wer verantwortlich ist. Für viele FinTechs reicht in der Anfangsphase ein schlankes, risikobasiertes Framework, das die wesentlichen Kundenkategorien und Transaktionstypen abdeckt.

Eine klare Governance-Struktur mit definierten Verantwortlichkeiten für Compliance, Risiko und AML ist regulatorisch erforderlich und gleichzeitig praktisch notwendig: Ohne klare Zuordnung entstehen Lücken, die bei der ersten Partnerprüfung oder Investoren-Due-Diligence sofort auffallen.

Ein MLRO (Money Laundering Reporting Officer) muss für regulierte Zahlungsdienstleister benannt sein. In frühen Phasen kann diese Funktion ausgelagert werden, muss aber lokal verankert und weisungsunabhängig sein. Ein ausgelagerter MLRO ist keine Schwäche, er ist in vielen Fällen die pragmatisch richtige Lösung.

Ein Beschwerdemanagement-Framework ist häufig unterschätzt, aber sowohl regulatorisch vorgeschrieben als auch partnerrelevant. Es muss zugänglich, dokumentiert und nachvollziehbar sein.

Schließlich braucht es eine Outsourcing-Dokumentation, die zeigt, welche Funktionen ausgelagert sind, an wen, unter welchen Konditionen und mit welchen Steuerungsmechanismen. Das gilt auch für cloud-basierte Tools und externe Dienstleister.

Was in der frühen Phase noch warten kann

Eine vollausgebaute interne Revisionsabteilung ist für kleine FinTechs in frühen Phasen nicht zwingend intern zu besetzen, sie kann und sollte ausgelagert werden. Ein vollständiges ICAAP-Framework, komplexe Stresstestmodelle oder ein ausgereiftes Regulatory-Reporting-System sind Themen für Phase zwei und drei, nicht für die Lizenzierungsphase.

Der häufigste Fehler: zu früh zu komplex

Viele FinTechs investieren in Compliance-Strukturen, die für ihre aktuelle Phase zu groß und zu teuer sind, oft weil externe Berater oder Investoren pauschal auf „marktübliche Standards“ drängen, ohne den Entwicklungsstand des Unternehmens zu berücksichtigen. Das Ergebnis: hohe Fixkosten, überforderte Teams und eine Compliance-Infrastruktur, die niemand wirklich betreibt.

Der Gegenentwurf ist ein modularer Aufbau: Start mit dem regulatorisch notwendigen Kern, strukturiert so, dass er bei Bedarf erweitert werden kann, ohne Umbau, ohne Neustart.

Compliance als Wachstumstreiber

Ein gut aufgesetztes Minimum-Viable-Compliance-Setup ist kein Hindernis für Wachstum, es ist dessen Voraussetzung. Es ermöglicht Kontoeröffnungen bei Banken, besteht Partner-Due-Diligences, überzeugt Investoren und schafft die regulatorische Grundlage für EU-Expansion. FinTechs, die das früh richtig machen, sparen später erhebliche Nacharbeitskosten und vermeiden den häufigsten Fehler: eine Compliance-Struktur aufbauen zu müssen, während man gleichzeitig versucht, Kunden zu gewinnen.

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msg for banking entwickelt mit FinTechs pragmatische, skalierbare Compliance-Setups – zugeschnitten auf die jeweilige Wachstumsphase.

Emanuel Gedeon

Emanuel Gedeon

bringt langjährige Erfahrung in Compliance, regulatorischer Beratung und der Optimierung von Steuerungsprozessen für Finanzinstitute mit. Als Executive Partner bei msg for banking leitet er den Bereich Governance & Regulatory Advisory. Zuvor war er in leitenden Positionen bei internationalen Beratungsunternehmen tätig.

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