Im Fokus der Aufsicht: Geopolitische Risiken
Geopolitische Risiken sind übergreifende Risikofaktoren, die sich auf alle Risikoarten der Banken auswirken können. Da die derzeit erhöhten geopolitischen Risiken Folgen für die Branche Banking haben, sind sie zu einem zentralen Aufsichtsthema von BaFin und EZB geworden. Der Artikel zeigt, was sie bedeuten, wie sie Banken systemisch betreffen und welche Erwartungen die Aufsicht an Governance, Steuerung und Resilienz stellt.
- Geopolitische Risiken als strategisches Kernrisiko
- Die Welt im Wandel
- Aufsichtliche Erwartungen an Banken
- Geopolitische Risiken wirken über mehrere Transmissionskanäle
- Geopolitische Risiken und Geschäftsmodelle
- Fragmentierung der Weltwirtschaft als Strukturtrend
- Operationelle Resilienz und Cyberrisiken
- Governance: Verantwortung liegt beim Vorstand
- Fazit
- Quellen
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Geopolitische Risiken sind eines der zentralen Fokusthemen der Aufsicht 2026. Sie bedrohen Geschäftsmodelle, Kapitalausstattung und operative Stabilität von Banken unmittelbar und stehen daher ganz oben auf der Agenda der Aufsicht.
Entsprechend deutlich sind die Erwartungen von Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht1 (BaFin), Europäischer Zentralbank2 (EZB) und Single Supervisory Mechanism3 (SSM):
Geopolitische Risiken sind systematisch zu identifizieren, messbar zu machen und aktiv zu steuern.
Für Entscheider ist damit klar: Geopolitik ist kein Randthema mehr, sondern eine Kernfrage der Gesamtbanksteuerung.
Geopolitische Risiken als strategisches Kernrisiko
Der Fokus der Aufsicht auf geopolitische Risiken ergibt sich aus ihrer besonderen Wirkungsweise. Sie wirken nicht isoliert, sondern beeinflussen gleichzeitig Kredit-, Markt-, Liquiditäts- und operationelle Risiken. Geopolitische Konflikte, Sanktionen, Fragmentierung des Welthandels und politische Blockbildungen können bestehende Geschäftsmodelle abrupt unter Druck setzen.
Vor diesem Hintergrund bewertet die BaFin geopolitische Risiken als strukturellen Trend mit langfristigen Auswirkungen auf die Stabilität des Finanzsystems. Die EZB unterstreicht in ihrer Finanzstabilitätsanalyse, dass geopolitische Spannungen Schocks auslösen können, die sich schnell und weitreichend über Märkte und Lieferketten ausbreiten.
Die Konsequenz ist klar: Geopolitische Risiken erhöhen die Unsicherheit langfristig auf systemischer Ebene – Banken müssen ihre Risikosteuerung darauf ausrichten.
Die Welt im Wandel
Geopolitische Risiken manifestieren sich in vielfältigen Formen – von bewaffneten Konflikten über zunehmende politische und ökonomische Fragmentierung bis hin zu Handels- und Zollkonflikten.
In den vergangenen Jahren ist sowohl die Frequenz als auch die Intensität dieser Risikodimensionen signifikant gestiegen, vielfach treten sie zudem simultan auf.
Diese Entwicklung ist nicht lediglich eine subjektive Wahrnehmung, sondern lässt sich durch einschlägige Indikatoren und empirische Evidenz klar belegen:
Abbildung 1: Indizes zur Messung einiger Dimensionen des geopolitischen Risikos
Der gleichzeitige Anstieg aller drei Indizes unterstreicht, dass Banken sich auf ein dauerhaft erhöhtes und miteinander verknüpftes Unsicherheitsumfeld einstellen müssen. Dabei misst der GPR-Index4 das Risiko bewaffneter Konflikte (Krieg + Terror), der EPU5 politisch-/ökonomische Unsicherheit und der TPU6 die Unsicherheit durch Handels- und Zollkonflikte.
Aufsichtliche Erwartungen an Banken
Die aufsichtlichen Erwartungen sind klar definiert: Der SSM fordert, dass Institute geopolitische Risiken explizit in ihre Governance-Strukturen, Risikostrategie sowie in die ICAAP- und ILAAP-Prozesse integrieren. Ziel ist eine konsistente Verankerung geopolitischer Risiken über alle Steuerungsebenen hinweg.
Diese Integration muss sich konkret in den zentralen Steuerungsinstrumenten widerspiegeln. Dazu zählen insbesondere:
- die Einbindung geopolitischer Szenarien in Stresstests,
- die Anpassung von Limit- und Frühwarnsystemen,
- transparente Exponierungsanalysen nach Ländern und Sektoren,
- die systematische Berücksichtigung von Sanktionen und Handelsbeschränkungen sowie
- die gezielte Stärkung der operationellen Resilienz.
Darüber hinaus betont die EZB die Bedeutung von Zweitrundeneffekten. Institute müssen analysieren, wie geopolitische Ereignisse indirekt auf ihr Risikoprofil wirken – etwa durch dauerhaft erhöhte Energiepreise oder die Auswirkungen von Sanktionen auf Gegenparteien und Lieferketten. Solche Fragestellungen sind integraler Bestandteil der strategischen Planung.
Abbildung 2: Transmissionskanäle, geopolitisches Risiko, in Anlehnung an (EZB, 2024)
Geopolitische Risiken wirken über mehrere Transmissionskanäle
Vor diesem Hintergrund identifiziert die EZB mehrere Transmissionskanäle (siehe auch Abbildung 2), über die geopolitische Risiken auf das Finanzsystem wirken:
| Risikokanal | Wirkung auf Banken |
| Makroökonomisch | Wachstumsrückgang, höhere Inflation |
| Finanzmärkte | Volatilität, Spread-Ausweitungen |
| Kreditrisiko | Bonitätsverschlechterung, Ausfälle |
| Liquidität | Marktverwerfungen, Refinanzierungskosten |
| Operationell | Cyberangriffe, Lieferkettenstörungen |
Für Risikomanager ergibt sich daraus eine zentrale Implikation: Ein einzelner geopolitischer Schock betrifft nicht nur ein Portfolio oder eine Risikokategorie, sondern entfaltet seine Wirkung gleichzeitig über mehrere Risikoklassen hinweg – oft mit sich gegenseitig verstärkenden Effekten.
Geopolitische Risiken und Geschäftsmodelle
Diese multidimensionale Wirkung macht deutlich, warum die BaFin geopolitischen Risiken eine besondere Relevanz für Geschäftsmodelle beimisst. Institute mit starker Auslandsorientierung, regionalen oder sektoralen Konzentrationen sowie Abhängigkeiten von bestimmten Lieferketten oder IT‑Dienstleistern sind besonders exponiert.
Dies betrifft nicht nur Großunternehmen, sondern auch exportorientierte KMUs, deren Geschäftsmodelle beispielsweise durch hohe Zölle in zentralen Absatzmärkten erheblich unter Druck geraten können.
Vorstände sind daher gefordert, geopolitische Risiken explizit in ihre strategischen Überlegungen einzubeziehen. Zentrale Fragen lauten:
- Wie hoch ist das Exposure gegenüber geopolitisch sensiblen Regionen?
- Wie robust sind Lieferketten und IT-Dienstleister?
- Welche geopolitischen Szenarien berücksichtigen wir im ICAAP und ILAAP?
Die aufsichtliche Erwartung ist eindeutig: Wer geopolitische Risiken lediglich qualitativ beschreibt oder isoliert behandelt, genügt den Anforderungen nicht. Gefordert ist eine integrierte, quantifizierbare und strategisch verankerte Auseinandersetzung mit einem Risikotreiber, der Geschäftsmodelle, Risikoprofile und Steuerungslogiken gleichermaßen betrifft.
Fragmentierung der Weltwirtschaft als Strukturtrend
Die zunehmende geoökonomische Fragmentierung ist eine der zentralen strukturellen Ausprägungen geopolitischer Risiken. Handelsblöcke formieren sich neu, Lieferketten werden regionalisiert und strategische Industrien entkoppeln sich zunehmend.
Für Banken ist das von erheblicher Relevanz. Fragmentierung reduziert Effizienz, erhöht Kosten und verändert Kapital‑ und Handelsströme nachhaltig. Damit geht ein Umfeld einher, das von dauerhaft höherer Volatilität geprägt ist. Die EZB weist darauf hin, dass solche strukturellen Veränderungen nicht nur Wachstumsperspektiven beeinflussen, sondern auch Inflation und Zinsniveaus dauerhaft verändern können.
Geopolitische Risiken sind damit kein temporärer Schock, sondern ein strukturelles Umfeldmerkmal, das die Rahmenbedingungen für Geschäftsmodelle und Risikosteuerung langfristig prägt.
Operationelle Resilienz und Cyberrisiken
Diese strukturellen Verschiebungen wirken sich nicht nur auf Märkte und Geschäftsmodelle aus, sondern gehen mit einem Anstieg von Cyberrisiken einher – insbesondere durch staatlich unterstützte oder politisch motivierte Angriffe. Zahlungsverkehrssysteme, Cloud-Dienstleister und Marktinfrastrukturen geraten dabei verstärkt ins Visier.
Vor diesem Hintergrund fordert der SSM eine substanzielle Stärkung der operationellen Resilienz. Dazu gehören robuste Notfallpläne, regelmäßige Tests, sowie eine engmaschige Überwachung kritischer Drittanbieter.
Ein reiner Standard‑BCM‑Ansatz reicht hierfür nicht aus. Geopolitische Risiken erfordern explizite Szenarien, die politische Eskalationen, staatliche Eingriffe und koordinierte Cyberangriffe berücksichtigen und in die Resilienz‑ und Krisenplanung integriert werden
Governance: Verantwortung liegt beim Vorstand
Die Aufsicht adressiert explizit die Leitungsorgane. Vorstände sind gefordert, geopolitische Szenarien aktiv zu diskutieren, die Risikobereitschaft regelmäßig zu überprüfen, strategische Diversifikationsoptionen zu bewerten und eine angemessene Informationsversorgung sicherzustellen. Entscheidungsprozesse müssen nachvollziehbar dokumentiert und durch belastbare Steuerungsmechanismen unterlegt sein.
Die Kernbotschaft ist eindeutig: Geopolitische Risiken sind Chefsache. Die Aufsicht erwartet, dass Vorstände Verantwortung übernehmen und geopolitische Entwicklungen sichtbar, konsistent und wirksam in der Steuerung der Bank verankern.
Fazit
Geopolitische Risiken sind von BaFin und EZB eindeutig als Trendthema mit hoher Priorität identifiziert. Sie wirken systemisch, strukturell und multifaktoriell. Entsprechend müssen sie integriert und konsistent gesteuert werden.
Die zentrale Frage lautet daher nicht, ob geopolitische Risiken relevant sind, sondern: Ist Ihre Organisation geopolitisch resilient?
Die Antwort darauf entscheidet über Wettbewerbsfähigkeit, Aufsichtsbewertung und langfristige Stabilität.
Institute, die geopolitische Risiken proaktiv analysieren, Szenarien entwickeln und ihre Governance stärken, erfüllen nicht nur regulatorische Erwartungen – sie sichern sich strategische Handlungsfähigkeit in einer zunehmend fragmentierten Welt.
Quellen
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1. BaFin, Risiken im Fokus, 2025
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2. EZB, Turbulent times: geopolitical risk and its impact on euro area financial stability, 2024
-
3. EZB, Aufsichtsprioritäten 2026-2028, 2025
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4. Caldara, Dario, et al. "The economic effects of trade policy uncertainty." Journal of Monetary Economics 109 (2020): 38-59.
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5. Baker, Scott R., Nicholas Bloom, and Steven J. Davis. "Measuring economic policy uncertainty." The quarterly journal of economics 131.4 (2016): 1593-1636.
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6. Iacoviello, Matteo, and D. Caldara. "Geopolitical risk (GPR) index." American Economic Review 112.4 (2020): 1194-1225.



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