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Digitale Assets und digitale Börsen – ein Paradigmenwechsel für Treasury und Kapitalmärkte

Die Kapitalmarktinfrastruktur befindet sich in einer Phase struktureller Neuordnung. Was lange als „Krypto-Thema“ eingeordnet wurde, entwickelt sich zunehmend zu einer institutionellen Transformation: Tokenisierte Wertpapiere, digitale Handelsplätze, Stablecoin-basierte Abwicklung und perspektivisch 24/7-Settlement verändern die Spielregeln.

Digitale Börsen / digital assets

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Zwei Entwicklungen stehen exemplarisch für diese Dynamik:

  • die Initiative der Intercontinental Exchange (ICE) in den USA mit der New York Stock Exchange sowie
  • die Digital-Asset-Strategie der Deutsche Börse mit Plattformen wie 360X und der DLT-Infrastruktur von Clearstream.

Für Treasury-Einheiten in Banken und Asset-Management-Häusern ist das kein Randthema. Es ist ein struktureller Eingriff in Liquiditätsmanagement, Settlement-Logik und Bilanzsteuerung.

AI-Coffee-Break

KI im Treasury – vom periodischen Abschluss zur permanenten Steuerungsfunktion

Treasury wird vom periodisch arbeitenden Funktionsbereich zur permanenten Steuerungsinstanz. In dieser Realität ist KI struktureller Enabler für Steuerbarkeit, Geschwindigkeit und Qualität von Entscheidungen. Erfahren Sie in unserer kostenlosen Online-Infoveranstaltung am 03.07.2026, wie Banken KI im Treasury bereits zu diesen Zwecken nutzen.

ICE und NYSE: Der Blueprint für 24/7-Tokenized Markets

Die ICE-Gruppe treibt den Aufbau einer digitalen Handelsinfrastruktur voran, die tokenisierte Wertpapiere mit blockchainbasierter Abwicklung verbindet.

Benefits of Tokenization

Abbildung 1: Vorteile der Tokenisierung (Quelle: EasyCrypto1)

Zielbild: digitalisierte Aktien und ETFs, die fungibel zu traditionellen Papieren sind, aber on-chain gehandelt und nahezu in Echtzeit abgewickelt werden können.

Der strategische Gedanke dahinter ist klar:

  • Tokenisierung ermöglicht direkte Eigentumsübertragung
  • Stablecoins oder tokenisierte Bankeinlagen dienen als Abwicklungsmedium
  • Settlement kann synchron und potenziell rund um die Uhr erfolgen

Damit entsteht perspektivisch ein Markt, der nicht mehr an klassische Bank- und Clearingzeiten gebunden ist.

Für das Treasury bedeutet dies eine fundamentale Veränderung in der Art und Weise, wie Liquidität und Finanzmittel gesteuert werden. Klassische „Float“-Zeiten entfallen, wodurch der bisherige Puffer zwischen Zahlungsauslösung und Verfügbarkeit von Mitteln wegfällt. Ebenso verschwinden mehrtägige Settlement-Fenster, sodass Transaktionen nun nahezu in Echtzeit abgewickelt werden müssen. Dies führt zu einem permanenten Echtzeit-Liquiditätsbedarf, der das Treasury zwingt, seine Mittel kontinuierlich zu überwachen und zu optimieren. Gleichzeitig wird die dauerhafte Verfügbarkeit von Collateral zu einem zentralen Erfolgsfaktor, um Risiken abzusichern und operative Handlungsfähigkeit jederzeit sicherzustellen.

Der Übergang von T+2 zu T+1 war bereits ein operativer Kraftakt.

Eine Welt mit T+0 bzw. instant Settlement ist kein inkrementeller Schritt – sie verändert die Mechanik von Liquiditätsreserven fundamental.

360X: Der institutionelle Ansatz in Frankfurt

Auch in Europa nimmt die Entwicklung Fahrt auf. Mit 360X positioniert sich die Deutsche Börse als regulierter Handelsplatz für digitale und tokenisierte Finanzinstrumente.

360X unterscheidet sich bewusst von vielen rein kryptobasierten Plattformen durch einen konsequent institutionellen Ansatz. Die Plattform ist vollständig regulatorisch eingebettet und lässt sich nahtlos in bestehende Marktinfrastrukturen integrieren. Auch Post-Trade-Prozesse wie Settlement und Reporting werden direkt unterstützt, sodass operative Standards gewahrt bleiben. Im Fokus stehen digitale Wertpapiere und tokenisierte Real-World-Assets – so können Marktteilnehmer von den Vorteilen der Tokenisierung profitieren, ohne Kompromisse bei Compliance, Sicherheit oder Effizienz einzugehen.

Ein wichtiger Meilenstein war der Handel DLT-basierter Anleihen. Parallel wurde mit tokenisierten Aktienformaten (z. B. xStocks) ein Brückenschlag zwischen traditionellen Underlyings und digitaler Handelstechnologie geschaffen.

Das Entscheidende ist jedoch nicht der Handelsplatz selbst – sondern die Integration in die Wertpapierabwicklung.

Tradition vs. Tokenisierung

Abbildung 2: Tradition vs. Tokenisierung (Quelle: Oksana Meier2)

Clearstream und D7 DLT: Die eigentliche Infrastrukturrevolution

Die strategische Tiefe entsteht durch die DLT-Initiative von Clearstream. Mit der D7-Plattform wurde eine digitale Emissions- und Abwicklungsinfrastruktur aufgebaut, die regulatorisch konform in das europäische CSD-Regime eingebettet ist.

Das ist ein entscheidender Punkt:

Es geht nicht um ein paralleles System außerhalb der etablierten Marktordnung. Es geht um die Digitalisierung innerhalb der bestehenden Marktarchitektur.

Die Perspektive für die Finanzmarktteilnehmer ist klar: Digitale Wertpapiere werden direkt über Distributed-Ledger-Technologie (DLT) emittiert, während die Verwahrung innerhalb der bewährten Clearstream-Struktur erfolgt. Das Settlement erfolgt über integrierte digitale Geldformen, perspektivisch inklusive einer Anbindung an Central Bank Digital Currencies (CBDC). Corporate Actions werden automatisiert abgebildet, und programmierbare Collateral-Mechanismen ermöglichen eine flexible, effiziente Steuerung von Sicherheiten – alles im Sinne einer vollständig digitalen Wertpapierabwicklung.

Tokenisiertes Collateral als neues Fundament des Treasury

Für das Treasury wird die geplante Digitalisierung von Sicherheiten, die innerhalb der Clearstream-Struktur verwahrt sind, zu einem zentralen Hebel der Effizienz- und Risikosteuerung.

Tokenisierte Collateral-Positionen lassen sich zudem effizient in bestehende Margin-Systeme integrieren. Durch programmierbare Logiken können Sicherheiten automatisch für Handelspositionen, Margin Calls oder Kreditlinien bereitgestellt werden. Operative Reibungsverluste werden reduziert, Kosten gesenkt und regulatorische Risiken minimiert. In einem Umfeld aus Instant Payments, Echtzeit-Liquidität und automatisierten Post-Trade-Prozessen entsteht damit ein struktureller Wettbewerbsvorteil für das Treasury.

Ausblick: Automatisierung und Integration im Collateral Management

Weitere Entwicklungspfade verstärken dieses Potenzial zusätzlich. Smart Contracts ermöglichen automatisierte Freigaben von Collateral bei klar definierten Vertragsereignissen. Sicherheiten können regelbasiert bereitgestellt, substituiert oder zurückgeführt werden, ohne manuelle Eingriffe. Das erhöht Geschwindigkeit und reduziert operationelle Risiken.

Die direkte Integration in Treasury-Management-Systeme macht tokenisiertes Collateral sofort liquiditätswirksam. Sicherheiten werden zu einem aktiv steuerbaren Bestandteil der täglichen Disposition. Treasury erhält eine systemseitig verankerte Echtzeitsicht auf verfügbare Assets und kann diese unmittelbar in Finanzierungs- und Absicherungsstrategien einbinden.

Perspektivisch gewinnen Schnittstellen zu digitalen Zentralbankgeldern weiter an Bedeutung. Die technologische Kopplung von tokenisierten Sicherheiten und digitalen Settlement führt Geld- und Wertpapierseite zusammen. Damit können beide Prozesse synchronisiert und weiter verkürzt werden. Für das Treasury entsteht damit ein integrierter digitaler Kreislauf, in dem Sicherheiten, Liquidität und Settlement als zusammenhängendes System funktionieren.

24/7-Handel trifft auf Bankbilanz

Die eigentliche strategische Sprengkraft digitaler Märkte entsteht nicht durch ein einzelnes technologisches Element, sondern durch das Zusammenspiel aus digitalem Handel, programmierbarem Geld, sofortigem Settlement und permanenter Marktverfügbarkeit. Diese Kombination verschiebt die Logik des Finanzmarkts von zeitlich getakteten Prozessen hin zu synchronen, durchgängigen Wertflüssen.

Für Banken bedeutet das:

Treasury-Modelle, die über Jahrzehnte auf klaren Tageszyklen beruhten, geraten strukturell unter Druck.

Ein 24/7-Handelsmodell ist kein inkrementelles Upgrade bestehender Abläufe. Es stellt zentrale Annahmen über Liquiditätssteuerung, Bilanzstruktur und Risikomanagement infrage.

Die Bankbilanz wird nicht mehr nur innerhalb definierter Betriebszeiten bewegt, sondern permanent.

Liquiditätsmanagement im permanenten Markt

Bisherige Liquiditätsmodelle basieren auf klar abgegrenzten Zeitfenstern. Zentralbank-Öffnungszeiten, Settlement-Zyklen über TARGET Services, Abwicklungsfenster von CLS und Batch-Strukturen im SWIFT-Netzwerk definieren einen Rhythmus, an dem Treasury-Prozesse ausgerichtet sind. Liquidität wird geplant, verschoben und optimiert entlang dieser Taktung.

Digitale Märkte operieren nicht mehr in einem solchen Batch-Modus. Sie operieren synchron.

Die Konsequenz ist fundamental:

Liquidität kann nicht mehr nur punktuell bereitgestellt werden, sondern muss kontinuierlich verfügbar sein. Intraday-Steuerung entwickelt sich zu einem Continuous-Monitoring-Modell. Treasury benötigt eine permanente Sicht auf verfügbare Mittel, Sicherheiten und Exposures. Gleichzeitig entstehen neue Liquiditätsformen, etwa durch Stablecoin-Exposures oder tokenisierte Einlagen. Diese Positionen existieren außerhalb klassischer Korrespondenzbanklogiken und verlangen eine aktive Steuerung digitaler Wallet-Strukturen.

Liquiditätsmanagement wird damit weniger ein Tagesprozess und stärker eine Echtzeit-Disziplin. Automatisierung, algorithmische Disposition und direkte Systemkopplung zwischen Handelsplattformen, Wallet-Infrastruktur und Treasury-Systemen werden zur Voraussetzung operativer Stabilität.

Bilanzielle Effekte und neue Bewertungslogik

Instant Settlement verändert nicht nur operative Abläufe, sondern die Struktur der Bilanz selbst. Gegenparteirisiken werden reduziert, Exposure-Zeiten verkürzt und offene Positionen schneller geschlossen. Klassische Schwebezustände zwischen Trade und Settlement verlieren an Bedeutung.

Gleichzeitig entstehen neue Bewertungs- und Bilanzierungsfragen. Digitale Einlagen müssen regulatorisch und bilanziell eingeordnet werden. Tokenisiertes Collateral erfordert Bewertungsmodelle, die Echtzeitpreise und dynamische Haircuts berücksichtigen.

Wenn Sicherheiten permanent mark-to-market bewertet werden, wirkt sich diese Geschwindigkeit direkt auf P&L-Volatilität aus.

Die Bankbilanz wird damit sensibler gegenüber kurzfristigen Marktbewegungen. Bewertungszyklen, die früher end-of-day orientiert waren, verschieben sich in Richtung kontinuierlicher Neubewertung.

Treasury muss lernen, mit einer Bilanz zu arbeiten, die sich technisch in Echtzeit aktualisiert.

Treasury als Schnittstelle zwischen Finanzlogik und IT-Architektur

In einem 24/7-Markt wird Treasury stärker als bisher zur Integrationsfunktion zwischen Finanzsteuerung und Technologiearchitektur. Digital Asset Custody, Wallet-Management, DLT-Schnittstellen und Treasury-Management-Systeme können nicht mehr isoliert betrachtet werden. Sie bilden ein zusammenhängendes Steuerungssystem.

Die strategische Herausforderung besteht darin, operative Stabilität mit permanenter Marktverfügbarkeit zu verbinden. Treasury wird damit nicht nur Liquiditätsmanager, sondern Architekt digitaler Wertflüsse. Wer diese Rolle aktiv gestaltet, kann Geschwindigkeit, Transparenz und Kapitalnutzung neu definieren. Wer an batch-orientierten Denkmodellen festhält, riskiert strukturelle Reibungsverluste in einem Markt, der nicht mehr pausiert.

Vom Second Mover zum strukturellen Handlungsdruck

Viele Institute haben digitale Assets lange in einer Beobachterrolle verortet. Tokenisierte Instrumente galten als Randphänomen, CBDC-Debatten als akademische Übung und Stablecoins als Nischenlösung ohne unmittelbare Relevanz für die Kernbilanz. Diese Einordnung war nachvollziehbar – sie ist jedoch zunehmend überholt.

Mit dem Eintritt etablierter Marktinfrastrukturbetreiber verschiebt sich die Wahrnehmung grundlegend.

Wenn große Börsenplätze tokenisierte Aktienmärkte vorbereiten und Akteure wie Deutsche Börse digitale Collateral-Strukturen in ihre Kerninfrastruktur integrieren, handelt es sich nicht mehr um technologische Experimente.

Es ist Marktinfrastrukturpolitik. Die Digitalisierung bewegt sich vom Innovationsrand in das Zentrum regulierter Finanzarchitektur.

Für Institute, die bislang abwartend agieren, entsteht daraus ein strategischer Handlungsdruck.

Die Fragestellungen werden operativ und konkret: Sind bestehende Treasury-Systeme DLT-fähig? Können programmierbare Zahlungen technisch und regulatorisch integriert werden? Ist ein 24/7-Monitoring von Liquidität und Sicherheiten überhaupt darstellbar? Existiert eine belastbare Digital-Asset-Governance? Und vor allem: Passen die aktuellen Liquiditätsmodelle noch zu einem Markt, der nicht mehr in Tageszyklen funktioniert?

Die entscheidende Verschiebung liegt darin, dass digitale Assets nicht länger ein separates Innovationsfeld darstellen. Sie werden schrittweise Teil der Standardmarktinfrastruktur. Treasury steht damit vor der Aufgabe, nicht nur neue Instrumente zu verstehen, sondern die eigene Steuerungslogik an eine dauerhaft digitale Marktumgebung anzupassen.

Fazit: Der Kapitalmarkt wird programmierbar

Die Initiativen von Intercontinental Exchange und Deutsche Börse markieren einen strukturellen Wendepunkt:

Digitale Assets entwickeln sich nicht als Parallelwelt, sondern werden gezielt in die bestehende Marktinfrastruktur integriert.

Was dabei entsteht, ist ein programmierbarer Kapitalmarkt, in dem Assets als Token, Geld als Code, Settlement als synchroner Prozess und Liquidität als permanente Ressource gedacht werden.

Für Treasury bedeutet das weit mehr als eine Prozessanpassung. Es ist eine strukturelle Neudefinition von Liquiditätssteuerung, Collateral-Management und Bilanzlogik. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr, ob digitale Börsen Realität werden. Sie entstehen bereits.

Strategisch relevant ist nur noch, ob Institute diese Infrastruktur aktiv mitgestalten – oder ob sie reagieren, wenn die Regeln des Marktes längst neu geschrieben sind.

Quellen
Joerg Isselmann

Jörg Isselmann

betreut bei der msg for banking ag Kreditinstitute in Projekten zu den Themen Bank- und Risikosteuerung (insbesondere Eigengeschäftssteuerung und strategische Fragestellungen) sowie den zugehörigen aufsichtsrechtlichen Anforderungen. Er verfügt über langjährige Praxiserfahrung in globalen Führungspositionen bei Banken und Börsen.

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