Einführung
Voice Agents sind KI-gestützte Sprachassistenten, die Kundenanrufe in Banking und Versicherung eigenständig verstehen, bearbeiten und fallabschließend lösen können – anders als klassische Sprachcomputer greifen sie in natürlicher Sprache auf Vertrags- und Kundendaten zu. Sie werden 2026 relevant, weil Banken und Versicherer gleichzeitig Filialen und Vermittlerbestand abbauen, während Kunden weiterhin bevorzugt zum Telefon greifen. Voice Agents schließen diese Lücke bei vier Zielgruppen: Endkunden, Beratern/Agenturen, Vertriebspartnern/Maklern und deren Betreuern.
Warum Erreichbarkeit im Financial-Services-Vertrieb zur Vorstandsfrage wird
Banken und Versicherer haben ihre Kunden in Apps und Portale geführt. Trotzdem greifen die Menschen zum Telefon, sobald es um Geld, Vertrag oder Schaden geht. Genau dort wird die Personaldecke dünn: in der Filiale, in der Agentur, im Servicecenter. Der Beitrag ordnet ein, warum Erreichbarkeit zum Engpass der Kundenzentrierung geworden ist, was die CX-TOM-Studie der Hochschule Luzern dazu sagt, und was Agentic AI Voice für Kunden, Berater, Vermittler und ihre Betreuer leisten kann: beim Endkunden, in der Agentur, beim Makler und Vermittler und bei den Menschen, die diese Partner betreuen.
Das Paradox: Alle digitalisieren, alle rufen an
Zwei Zahlen beschreiben die Lage. 61 Prozent der Versicherten greifen am liebsten zum Telefon, wenn sie ihren Vermittler erreichen wollen; das zeigt die Continentale-Studie 2025 mit 1.200 Befragten. Und selbst bei einer Schweizer Neobank, die ihren Kundenservice konsequent auf Chatbots ausgerichtet hat, laufen weiterhin rund 45 Prozent aller Anfragen über das Telefon, ebenso viele über den Bot, der Rest schriftlich. Die Hochschule Luzern hat das im Frühjahr 2026 dokumentiert, zusammen mit einem Befund über 61 Schweizer Banken: Nur zwei davon sind telefonisch rund um die Uhr erreichbar, drei Institute haben ihre Telefonzeiten seit 2024 reduziert, zwei ausgebaut. Wer ein Problem hat, will mit einem Menschen sprechen. Das gilt in Zürich wie in Köln.
Auf der anderen Seite schrumpft die Kapazität, die diese Anrufe entgegennimmt. Die Bundesbank zählt für Ende 2025 noch 16.799 inländische Bankzweigstellen, sechs Prozent weniger als ein Jahr zuvor, nach einem Minus von 8,4 Prozent im Jahr 2024; in zehn Jahren hat sich das Bankstellennetz nahezu halbiert. Im Versicherungsvertrieb sank die Zahl der registrierten Vermittler im Jahr 2025 um 2.970 auf 178.791. Die Kundenzahl ist in beiden Branchen dabei nicht kleiner geworden. Die Erreichbarkeit je Kunde also schon.
Dazu kommt eine Beobachtung, die jede Servicecenter-Leitung bestätigt: Kunden rufen mit der Erwartung an, dass ihr Anliegen im ersten Kontakt gelöst wird. Sie wollen keine Ticketnummer, keine Rückrufzusage und keinen Sprachcomputer, der sie zu einem Menschen durchstellt, der gerade im Termin sitzt. Sie wollen, dass es erledigt ist, wenn sie auflegen.
Was die Banken selbst sagen: die CX-TOM-Studie
Die Hochschule Luzern hat 2026 untersucht, wie 43 Banken in Deutschland, Österreich und der Schweiz ihre Kundenzentrierung organisieren. Studienpartner war msg. Das Ergebnis ist ehrlich, und es ist unbequem.
86 Prozent der Institute nennen veränderte Kundenbedürfnisse als stärksten externen Druckfaktor auf ihr Target Operating Model, noch vor Wettbewerbsverschärfung und Regulatorik mit jeweils 65 Prozent. Gefragt nach den Folgen, wenn sie ihr Target Operating Model in den nächsten drei Jahren nicht anpassen, erwarten 84 Prozent eine geringere Attraktivität für Neukunden, 67 Prozent den Verlust der Wettbewerbsposition, 63 Prozent steigende Kosten und 58 Prozent den Verlust bestehender Kunden.
Gleichzeitig stehen 53,5 Prozent der befragten Banken auf den beiden untersten von fünf Reifegradstufen. Nur 9,3 Prozent arbeiten mit einem skalierten, adaptiven und KI-gestützten CX-Enterprise-TOM. Und die Feedback-Kette reißt an der entscheidenden Stelle: 74 Prozent werten Freitextfeedback ihrer Kunden aus, 28 Prozent melden den Kunden zurück, was daraus geworden ist, und nur 12 Prozent messen, ob im eigenen Haus jemand Verantwortung übernommen hat. Einen Chief Customer Officer hat genau eines von 43 Instituten.
Kundenfokussierung steht also auf der Agenda, an der Umsetzung fehlt es. Und der Baustein, an dem die Umsetzung für den Kunden zuerst spürbar wird, ist der banalste von allen: ob jemand abnimmt, wenn er anruft.
Kostenloses CX-TOM-Benchmarking
Wer wissen will, wo das eigene Haus im Feld der 43 untersuchten Institute steht: Wir bieten gemeinsam mit den Studienpartnern ein kostenloses CX-TOM-Benchmarking an, dieselbe Analyse wie in der Studie, angewendet auf das eigene Institut.
Was Voice heute kann, und was es von der Warteschleife unterscheidet
Sprachcomputer kennt jeder. Sie fragen nach Vertragsnummern, verstehen „Ja“ als „Nein“ und stellen am Ende doch durch. Agentic AI Voice ist technisch etwas anderes: ein Sprachagent, der in natürlicher Sprache versteht, worum es geht, auf Vertrags- und Kundendaten zugreift, den Vorgang fallabschließend bearbeitet oder ihn mit vollständigem Kontext an einen Menschen übergibt. Er nimmt Anrufe an, und er kann selbst anrufen, terminieren, erinnern und nachfassen.
Zwei Dinge entscheiden, ob ein solcher Agent akzeptiert wird. Erstens die Gesprächsqualität: eine Sprachverarbeitung ohne spürbare Verzögerung, bei der der Anrufer nicht das Gefühl hat, gegen eine Maschine anzureden. Zweitens Transparenz: Die KI-Verordnung verlangt, dass Menschen erfahren, wenn sie mit einer KI sprechen, und diese Offenheit ist Teil der Akzeptanz. Wie gespalten der Markt ist, zeigen Bitkom-Zahlen vom Mai 2026: 56 Prozent der Deutschen sehen KI im Finanzbereich als Chance, 40 Prozent als Risiko. 27 Prozent könnten sich vorstellen, einer KI den Großteil ihrer Finanzentscheidungen zu überlassen, 49 Prozent lehnen KI bei Finanzthemen grundsätzlich ab. Akzeptanz entsteht dort, wo der Agent das Anliegen tatsächlich löst.
Versicherung: vier Protagonisten, zwei Richtungen
Im Versicherungsvertrieb lässt sich der Nutzen von Voice Agents entlang von vier Rollen beschreiben. Für jede gibt es eine Inbound- und eine Outbound-Seite.
Der Endkunde.
- Inbound heißt: Schaden melden, Vertragsstand erfragen, Adresse oder Bankverbindung ändern, Beitrag klären, Bescheinigung anfordern. Das sind die Anrufe, die heute Warteschleifen füllen und die ein Agent mit Zugriff auf das Bestandssystem in einem Gespräch abschließt, auch um 7 Uhr morgens oder um 21 Uhr abends.
- Outbound heißt: Der Kunde wird angerufen, weil sein Vertrag sich verändert, weil eine Leistung bewilligt wurde oder weil das Jahresgespräch fällig ist. Die Continentale-Studie zeigt die Lücke: 58 Prozent der vermittlerbetreuten Kunden wünschen sich ein regelmäßiges Jahresgespräch, 42 Prozent der Vermittler bieten es an.
Die Agentur, der Exklusivvertrieb.
Hier liegt der größte Hebel, weil die Beziehung zwischen Agentur und Kunde in beiden Richtungen vollständig im Zugriff des Versicherers liegt.
- Inbound: Der Kunde erreicht seine Agentur auch dann, wenn der Vertreter im Termin sitzt. 44 Prozent der Berufstätigen wollen ihren Vermittler vor 9 Uhr erreichen, 28 Prozent nach 18 Uhr; nur jeder zweite Vermittler ist vor 9 Uhr für seine Kunden da.
- Outbound: Terminierung im Bestand, Erinnerung an auslaufende Verträge, gezielte Ansprache zu Cross- und Upselling-Anlässen. Und nach dem Termin ein Debriefing, das der Vertreter auf dem Rückweg ins Telefon spricht und das im CRM als vollständige Dokumentation landet.
Der Makler.
Beim Makler zählt für den Versicherer ausschließlich die Beziehung zwischen Gesellschaft und Makler. Die Beziehung zwischen Makler und Kunde läuft im Maklerverwaltungsprogramm, meist vom Pool gestellt, und liegt außerhalb des Zugriffs.
- Inbound: Der Makler ruft die Gesellschaft an, mit Fragen zu Courtage, Antragsstatus, Produktdetails oder Vertragsstand. Jeder dieser Anrufe, mit dem er nicht durchkommt, ist ein Argument für die Gesellschaft, bei der er durchkommt.
- Outbound: Die Gesellschaft ruft den Makler an, zu Produkteinführungen, Webinaren und Aktivierungskampagnen, oder weil sich sein Einreichungsverhalten verändert hat.
Der Maklerbetreuer.
Er betreut Dutzende bis Hunderte Verbindungen und priorisiert nach Bauchgefühl, weil ihm die Zeit für alles andere fehlt.
- Inbound: Auskunft auf Zuruf zum einzelnen Makler, im Auto auf dem Weg zum Termin, zu Courtageabrechnungen, offenen Vorgängen, letzten Einreichungen und Beschwerden.
- Outbound: Der Agent ruft den Betreuer an, weil das System etwas gesehen hat, das der Mensch übersehen würde. Das kann ein Makler sein, dessen Einreichungen seit drei Monaten fallen, einer, der produziert, aber seit einem halben Jahr keinen Kontakt hatte, oder einer mit einer offenen Beschwerde. Das Einreichungsverhalten ist das früheste Warnsignal einer erodierenden Maklerbeziehung, lange bevor der Bestand wandert. Wer es systematisch auswertet und in Impulse übersetzt, verteidigt Courtageertrag, den er sonst erst in der Jahresstatistik vermisst.
Wie überträgt sich das auf das Bankgeschäft?
Die Struktur überträgt sich fast eins zu eins auf Bank, Bausparkasse und Fondsgesellschaft. Nur heißen die Protagonisten anders.
Der Kunde.
- Inbound: Karte sperren, Überweisung klären, Termin vereinbaren, Status der Baufinanzierung erfragen, Zuteilung des Bausparvertrags abfragen.
- Outbound: Die Zinsbindung läuft in zwölf Monaten aus, die Anschlussfinanzierung steht an. Der Sparplan passt nicht mehr zum Einkommen. Und ab dem 1. Januar 2027 kommt ein Anlass, auf den kaum ein Servicecenter personell vorbereitet ist: Das Altersvorsorgedepot löst die Riester-Rente ab. Bestehende Riester-Verträge genießen Bestandsschutz, ein Wechsel in die neue Förderung ist möglich. Ende 2025 zählte das Bundesarbeitsministerium 14,66 Millionen Riester-Verträge. Viele dieser Kunden werden im Frühjahr 2027 dieselbe Frage haben: bleiben oder wechseln? Wer sie proaktiv anruft, führt das Gespräch. Wer wartet, überlässt es der Warteschleife.
Der Berater.
In der Filiale, im Private Banking, als mobiler Vermögensberater oder im Außendienst einer Bausparkasse: Der Berater ist das Pendant zur Agentur.
- Inbound: Kunden erreichen ihn, während er im Beratungsgespräch sitzt, und ein Agent nimmt das Anliegen auf, löst einfache Fälle oder legt den Rückruf mit vollständigem Kontext in seinen Kalender.
- Outbound: Terminierung im Bestand, Vorbereitung des Kunden auf das Gespräch, Erinnerung an fehlende Unterlagen. Nach dem Termin das Debriefing: Der Berater spricht die Ergebnisse ins Telefon, der Agent strukturiert sie für die Geeignetheitsdokumentation und das CRM. Die Dokumentationspflicht bleibt, der Abendtermin am eigenen Schreibtisch entfällt.
Der Vertriebspartner.
Das Pendant zum Makler ist in der Bankenwelt vielfältiger, und es wächst. Zum 1. Juli 2026 waren 41.388 Finanzanlagenvermittler nach § 34f GewO und 58.014 Immobiliardarlehensvermittler nach § 34i GewO registriert, letztere auf einem Höchststand. Rund 45 Prozent des privaten Wohnungsbaukredit-Neugeschäfts liefen 2024 über die beiden großen Vermittlerplattformen, 2014 waren es 19 Prozent. Dazu kommen die Allfinanzvertriebe, die Verbundpartner der Bausparkassen und Fondsgesellschaften, also die Sparkassen und Volksbanken vor Ort, und die freien Vertriebe im Private Banking. Für den Produktgeber gilt dasselbe wie für den Versicherer: Die Beziehung zum Vermittler ist steuerbar, die Beziehung des Vermittlers zu seinem Kunden liegt außerhalb.
- Inbound: Der Vermittler ruft an, weil ein Baufinanzierungsantrag hängt, Unterlagen fehlen, eine Kondition unklar ist oder die Provisionsabrechnung nicht stimmt.
- Outbound: Der Produktgeber ruft an, wenn sich Konditionen ändern, ein Produkt neu kommt oder ein Partner seit Monaten nichts mehr eingereicht hat.
Der Vertriebspartnerbetreuer.
Key Account im Drittvertrieb, Regionalleitung im Vermittlergeschäft, Verbundkoordination der Bausparkasse: Diese Rolle hat exakt das Problem des Maklerbetreuers, nämlich zu viele Verbindungen, zu wenig Zeit und eine Priorisierung nach Erfahrung statt nach Daten.
- Inbound: Auskunft zum einzelnen Vermittler oder zum einzelnen Partnerinstitut, bevor der Betreuer dort hineingeht.
- Outbound: Der Agent meldet, wenn die Einreichungen eines Vermittlers fallen, wenn die Genehmigungsquote kippt oder wenn ein Verbundinstitut plötzlich weniger vermittelt. Das Frühwarnsignal, das im Maklervertrieb der Versicherer funktioniert, funktioniert im Vermittlergeschäft der Bank genauso. Nur hat es dort bisher kaum jemand so genannt.
Woran lässt sich der Erfolg von Voice Agents messen?
Voice Agents rechnen sich nicht allein über die eingesparte Gesprächsminute. Relevante Kennzahlen:
- Service allgemein: Erreichbarkeit und Servicelevel über den Tag, Fallabschlussquote im ersten Kontakt, Kosten je Kontakt, Zufriedenheit nach dem Gespräch.
- Outbound: Terminquote, Erreichungsquote im Bestand, Anteil der Kunden mit Jahresgespräch.
- Partnergeschäft: Aktivierungsquote inaktiver Vermittler, Einreichungsquote je Partner, Share of Wallet, Reaktionszeit des Betreuers auf ein Frühwarnsignal.
Eine Voraussetzung gilt für alle diese Zahlen: Ein Sprachagent ist so gut wie die Daten, an die er angebunden ist. Ohne 360-Grad-Sicht auf Kunde und Vertriebspartner beantwortet er Fragen, die er nicht beantworten kann, oder er ruft die falschen Partner an. Voice ist ein Baustein der Kundenzentrierung. Das Fundament ist ein Target Operating Model, in dem Marketing, Vertrieb und Service auf derselben Kundenhistorie arbeiten.
Fazit
Voice Agents lösen kein Digitalisierungsproblem, sondern ein Erreichbarkeitsproblem: Sie schließen die Lücke, die entsteht, weil Kunden weiterhin telefonieren, während Filial- und Vermittlerkapazität schrumpft. Der Hebel ist am größten dort, wo die Kundenbeziehung vollständig im eigenen Zugriff liegt – in der Agentur und beim Berater – und wirkt zusätzlich im Partnergeschäft, wo Voice Agents Frühwarnsignale liefern, die heute an fehlender Zeit scheitern. Voraussetzung ist in jedem Fall eine 360-Grad-Datenbasis; ohne sie beantwortet der Agent Fragen, die er nicht beantworten kann.

Merken auch Sie, dass Kunden trotz aller Digitalisierung zum Telefon greifen, aber niemand die Kapazität hat, jeden Anruf im ersten Kontakt zu lösen?
Quellen
- 1. Hochschule Luzern (IFZ) & msg (2026): CX‑TOM‑Studie 2026, 43 Banken DACH.
- 2. Hochschule Luzern (IFZ) (2026): Kundenservice bei 61 Schweizer Banken 2026, Erhebung April 2026.
- 3. Continentale (2025): Kundenservice‑Studie 2025, 1.200 Versicherte + 135 Vermittler, Sept. 2025
- 4. Deutsche Bundesbank (2026): Bankstellenentwicklung im Jahr 2025.
- 5. Deutsche Bundesbank (2025): Bankstellenbericht 2024. Entwicklung des Bankstellennetzes im Jahr 2024.
- 6. DIHK (2026): Vermittlerregister‑Bestände 01/2026 (§ 34d) und 07/2026 (§ 34f, § 34i).
- 7. Handelsblatt (März 2025): Vermittleranteil im Baufinanzierungs‑Neugeschäft 2024 (auf Basis Bundesbank + Plattformdaten).
- 8. Bitkom (2026): Digital Finance 2026, repräsentativ 1.004 Personen, Mai 2026.
- 9. BMAS/ZfA (2026): Riester‑Bestandsstatistik, Stand 31.12.2025.
- 10. Bundesregierung / BMF (2026): Reform der steuerlich geförderten privaten Altersvorsorge, neue Produkte ab 01.01.2027.














