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Schlaues Geld – Wie künstliche Intelligenz Kryptowährungen den entscheidenden Impuls geben kann

Die Währungshüter haben sich mit der Akzeptanz zunächst etwas schwergetan, dennoch haben sich Bitcoin & Co. als Zahlungsmittel weltweit etabliert. Für künftige Generationen wird das Bezahlen mit Kryptowährungen selbstverständlich sein. Künstliche Intelligenz kann die Entwicklung von Kryptowährungen weiter beschleunigen.

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Golden bitcoins stacking on black background

Kryptowährungen auf dem Vormarsch

Mit einer Marktkapitalisierung von fast 1,2 Billionen Euro ist Bitcoin nicht nur die bekannteste Kryptowährung der Welt, sondern auch die mit Abstand am weitesten verbreitete. Jüngere digitale Zahlungsmittel wie Ether, Dogecoin, Litecoin oder Monero sind den meisten Verbrauchern deutlich weniger bekannt und in der Regel schwächer in den Märkten vertreten. Nichtsdestoweniger bewegt sich die Zahl der Kryptowährungen global mittlerweile im vierstelligen Bereich und der anfänglich zögerlichen Akzeptanz der Währungshüter zum Trotz ist der stetige Vormarsch dieser Zahlungsmittel nicht mehr zu stoppen. Für künftige Generationen wird das Bezahlen mit Kryptowährungen Selbstverständlichkeit sein.

Selbstregulierung – Unabhängigkeit oder unkontrolliertes Spiel?

Gemein ist allen digitalen Währungen die Idee der Selbstregulierung, also der Regulierung durch allgemein akzeptiere Algorithmen. Damit ist die Unabhängigkeit der jeweiligen Währung von menschlichen Interessen gewährleistet. Die in den volkswirtschaftlichen Kreisläufen befindliche Geldmenge kann beispielsweise durch algorithmen-​basiertes Mining (Schürfen) vergrößert werden. Dieser Vorgang erfordert immense Rechenkapazität und Zeit, ist sehr aufwändig und meist auch nur bis zu einem festgelegten maximalen Gesamtvolumen ausführbar. Andere Krypowährungen setzen auf das Sperren von Währungseinheiten für einen bestimmten Zeitraum (Staking) und die Belohnung für die Sperrdienstleitung mit neuen Währungseinheiten als Consent-​Mechanismus, was weniger Rechenpower erfordert.

Jedoch hat sich in der Praxis gezeigt, dass pekuniäre Ströme in modernen Volkswirtschaften nicht gänzlich ohne Regulierung auskommen. Und das betrifft nicht nur die Geldmengenpolitik, die im Konzept des Großteils der Kryptowährungen implizit enthalten ist, sondern beispielsweise auch Regulierungsaspekte in Bezug auf Zinssätze. Die Idee, dass die Währung den Menschen dienen soll und nicht umgekehrt, lässt sich mit einer Laissez-​Faire-Regelung im unkontrollierten Spiel der Kräfte des freien Marktes nur schwerlich realisieren. Vielmehr ist etwa die Vorgabe von Leitzinsen zur Steuerung erforderlich. Diese und ähnliche im Kontext der Kryptowährungen bislang noch offene Frage stehen dem endgültigen Siegeszug des virtuellen Geldes noch immer im Wege.

Wie künstliche Intelligenz zur Lösung beitragen kann

Ein interessanter Ansatz zur Lösung dieser Herausforderungen zeichnet sich durch den Einsatz künstlicher Intelligenz ab. Der entscheidende Vorteil des KI-​Ansatzes besteht in der intrinsischen – also aus sich selbst heraus motivierten – und somit gegen äußere Manipulationen immunen Steuerung. Diese geht mit der Philosophie der digitalen Währung und der dezentralen autonomen Organisation einher und stellt somit keinen Widerspruch zur bisherigen Praxis des Einsatzes digitaler Währungen dar. Im Gegenteil stellt die Nutzung der in mathematischen Strukturen bzw. Algorithmen abgebildeten Ressourcen biologischer Intelligenz eine Komplettierung des Konzepts dar.

Wesentlichen Einfluss auf dieses selbstregulierende System hat dabei neben der Wahl des KI-​Algorithmus‘ selbst die Interaktion der einzelnen am Zahlungsverkehr beteiligten Objekte, also der virtuellen Coins – genauer: jener virtuellen Coins, die sich gerade aktiv im Umlauf befinden, also nicht gehortet werden und somit temporär passiv sind.

Ein Modell zur Selbstregulierung der Parameter virtueller Zahlungsmittel muss auf dem Informationsaustausch der aktiven Coins untereinander aufgebaut werden. Der Informationsaustausch bezieht sich dabei im Wesentlichen auf die gegenseitige Wahrnehmung aller aktiven Coins, die miteinander interagieren, sowie den Austausch der Informationen, welche diese mitsichtragen. Die Informationskette der mit den Coins getätigten Zahlungen kann dabei wertvolle Input-​Daten für den Algorithmus liefern. Ein Informationsaustausch kann immer dann stattfinden, wenn sich Coints virtuell treffen, beispielsweise weil sie für eine anstehende Zahlung zu einer zu begleichenden Summe zusammengefasst werden. Des Weiteren soll sich das Gewinnen von Informationen nur auf einen bestimmten temporären Raum, welcher durch ein sich zeitlich vorwärts bewegendes Betrachtungsfenster (sliding window) begrenzt wird, erstrecken. Somit wird vermieden, dass der Berechnungsalgorithmus mit fortschreitendem Einsatz an Performance verliert. Auf diese Art und Weise können nicht nur Zinssätze währungsintrinsisch geregelt werden. Denkbar wäre dieser Ansatz auch für die Regelung einer Mindestreserve, welche gehalten werden muss, und vieles andere mehr.

Interessante Aspekte

Ein sehr interessanter Aspekt dieses Ansatzes besteht kurioserweise in der Nachvollziehbarkeit der durch KI-​Algorithmen getroffenen Entscheidungen. Dieses erscheint zugegebenermaßen auf den ersten Blick grotesk, ist doch oft die Nachvollziehbarkeit der getroffenen Entscheidungen bei KI-​Systemen ein großes Problem. Es sagt aber auch niemand, dass diese Nachvollziehbarkeit einfach und für jedermann transparent wäre. Jedoch kann der Einfluss der einzelnen Parameter auf das Gesamtergebnis ausgewertet und so eine Landkarte der Entscheidungsfindung erstellt werden. Dieses erfordert zugegebenermaßen einen nicht unerheblichen Analyseaufwand, ist aber möglich. Das Thema Trainings-​, Validierungs-​ und Testdaten sowie deren Einfluss auf die Wirkungsweise der KI-​System ist so komplex, dass es zu Recht eine eigene Sektion des Wissenschaftsgebietes KI bildet. Fakt ist, dass es mit entsprechendem Ressourceneinsatz möglich ist, eine getroffene Entscheidung nachzuvollziehen. Und wer kann das schon beispielsweise von einer Leitzinsentscheidung der Europäischen Zentralbank sagen?

Ein weiterer positiver Aspekt dieses Ansatzes besteht in den im Kontext der Künstlichen Intelligenz etablierten Prinzipien der Fairness, der Autonomie und Kontrolle, der Transparenz, der Verlässlichkeit, der Sicherheit und des Datenschutzes, welche vollständig mit der Philosophie der Kryptowährungen korrelieren und durch den KI-​Ansatz in die Konzeption inkludiert werden.

Prinzipien der künstlichen Intelligenz

Prinzipien KI für Kryptowährungen

Die Prinzipien der künstlichen Intelligenz

Die praktische Anwendung des KI-​basierten Ansatzes spieltheoretisch dargestellt

Die praktische Anwendung des KI-​basierten Ansatzes der Lösung der im Zusammenhang mit den Kryptowährungen noch offenen Fragen kann spieltheoretisch dargestellt werden. Am Beispiel der Entwicklung eines Leitzinssatzes für eine digitale Währung stelle man sich vor, dass sich eine endliche Menge an Objekten (Coins) in einem begrenzten Raum (Zahlungsverkehrsraum) bewegt und dabei immer wieder mit anderen Objekten (bei der Zusammenfassung mehrerer Coins im Rahmen einer Zahlung) zusammentreffen. Jedes Objekt trägt eine Zahl (potenzieller Leitzinssatz der Kryptowährung) mit sich. Immer dann, wenn die Objekte zusammentreffen, tauschen sie Informationen aus und „verhandeln“ den potenziellen Leitzinssatz nach einer Formel neu. In diese Formel fließen nicht nur die aktuellen potenziellen Leitzinssätze ein, sondern auch historische Daten, welche die Objekte mit sich führen. Somit werden auch Informationen über Zeiten der Knappheit und des Überangebots sowie Informationen von anderen Kryptowährungen berücksichtigt. Nach dem Zusammentreffen trägt jedes beteiligte Objekt denselben neuen potenziellen Leitzinssatz mit sich. Nach einer hinreichenden Anzahl von Kontakten aller in diesem System miteinander interagierender Objekte haben alle einen ähnlichen potenziellen Leitzinssatz, welcher dann als für den Moment gesetzt angesehen wird. Das System unterliegt permanenter Erneuerung. In Bezug auf die virtuelle Räumlichkeit betrachtet entstehen ähnliche, aber wahrscheinlich niemals gleiche Zinssätze, was aber unter Berücksichtigung der Globalität der Kryptowährungen mit der Wirklichkeit herkömmlicher Zahlungsmittel korreliert, denn auch diese haben ähnliche aber ggf. währungsraumspezifisch abweichende Leitzinssätze.

Differenzen bei Zinssätzen einer Kryptowährung im Zahlungsverkehrsraum

Abbildung 2: Differenzen bei Zinssätzen einer Kryptowährung im Zahlungsverkehrsraum

Akteure in diesem Zinsmarkt würden als potenzielle Darlehensnehmer und -geber stets versuchen, den für sie jeweils günstigsten Zinssatz zu bekommen. Das heißt, ein potenzieller Darlehensnehmer versucht, einen Kredit zu einem möglichst billigen Zinssatz zu bekommen, kann aber letztlich nur solche Zinssätze wählen, welche auch von einem potenziellen Darlehensgeber angeboten werden. Potenzielle Darlehensgeber verfolgen entsprechende konträre Interessen.

Somit würden auch solche Zinssätze entstehen, welche zwar errechnet wurden, aber nur für einen der beiden erforderlichen potenziellen Kontraktpartner attraktiv wären. Sie wären somit nicht kontraktfähig. Andererseits würden aber errechnete Zinssätze existieren, zu denen eine Darlehensgeber bereit wäre, Kryptowährung zu verleihen, und auch ein Darlehensnehmer bereit wäre, Kryptowährung zu leihen. Sie wären also kontraktfähig da sie für beide Seiten die erforderliche Attraktivität aufweisen.

Da im Rahmen der Vergabe von Darlehn ausschließlich digitale Coins mit einem kontraktfähigen Zinssatz zu Zahlungsströmen gebündelt werden würden, haben diese Coins zusätzliche Kontakte und somit mehr Möglichkeiten zur Zinsabstimmung. Dadurch beeinflusst der freie Handel bei der Darlehnsvergabe den Markt.

Kontraktfähige und nicht-​kontraktfähige Zinssätze einer Kryptowährung im Zahlungsverkehrsraum

Abbildung 3: Kontraktfähige und nicht-​kontraktfähige Zinssätze einer Kryptowährung im Zahlungsverkehrsraum

Der mit der Idee der KI-​basierten Lösung, der bislang im Kontext der Kryptowährungen noch bestehenden Herausforderungen gegebene Impuls, bedarf natürlich werterer Analysen und Detailierung. So ist beispielsweise zu definieren, was denn als hinreichende Anzahl von Kontakten angesehen werden soll, und wie die Formel zur Neuverhandlung des potenziellen Leitzinssatzes genau zu beschreiben ist. Des Weiteren ist zu eruieren, welche weiteren Aspekte, die bei konventionellen Währungen durch die Währungshüter wahrgenommen werden, für die Kryptowährungen mit dem KI-​basierten Ansatz bedient werden können.

Fazit

Fakt ist, dass die Ideen zur Lösung der im Kontext digitaler Währungen aktuell noch anstehenden Herausforderungen mittels künstlicher Intelligenz mannigfaltig und vielversprechend sind, jedoch noch in den Anfängen stecken. Dieser Umstand schließt jedoch die Chance auf eine breitgefächerte Begleitung des Entwicklungsprozesses nicht nur für IT-​Nerds und Beratungsgesellschaften ein. Lohnen wird sich Lösung dieser Aufgaben auf jeden Fall. Allein das wirtschaftliche Potenzial, das sich durch das dadurch gegeben handelbare Riskmanagement für Finanzinstitute ergibt, ist enorm. Und im Rahmen der Entwicklung des digitalen Euros wird sich ein weites Feld für kreative Lösungsansätze auftun. Wir wollen diese Entwicklung aufmerksam beobachten, aktiv begleiten und wertschöpfend forcieren.

Mit diesem Trend ist wohl auch die landläufige, in Consultant-​Kreisen vertretene Meinung, dass der Zahlungsverkehr kein sexy Thema sei, glänzend widerlegt.

Alexander Heller

Alexander Heller

ist studierter Wirtschaftsinformatiker mit dem Fokus auf das Thema Künstliche Intelligenz. Seit seinem Studium ist er fasziniert von der Idee, ausgefeilte und komplexe biologische Lösungen in lernende Algorithmen und technische Strukturen zu übersetzen und diese für die Menschen nutzbar zu machen.

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