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ESG-Risiken – der neue Treiber von Non Financial Risks?

Institute stehen vor der Herausforderung, Nachhaltigkeitsrisiken im Sinne von ESG wirksam in die Banksteuerung zu integrieren. Im Windschatten der finanziellen Risiken sollten die Non-Financial Risks dabei nicht außer Acht gelassen werden.

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ESG-Risiken – der neue Treiber von Non-Financial Risks?

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Das Jahr 2023 kann als ein Jahr angesehen werden, in dem Bank Runs und Bankenpleiten überraschenderweise auch in Industriestaaten wie der USA und der Schweiz zurückgekehrt sind. Nach fast 15 Jahren niedriger Zinsen gerieten einige Institute in Schwierigkeiten und man fühlt sich an die Anfänge der Finanzkrise im Jahr 2007 erinnert. Doch seit der letzten Finanzkrise hat sich einiges verändert: Die Regulatorik des Risikomanagements wurde (vor allem in Europa) verschärft, Meldepflichten erweitert und Eigenkapitalquoten drastisch erhöht. Allerdings zeigen  Insolvenzen bedeutender Institute wie der traditionsreichen Credit Suisse , dass man sich dennoch fragen sollte, ob Banken heute besser aufgestellt sind als noch vor 15 Jahren und mit welchen Konsequenzen zu rechnen ist.

Vergleicht man die beiden prominentesten Pleiten der Credit Suisse Bank und der Silicon Valley Bank (SVB), wird schnell deutlich, dass es große Unterschiede gibt. Mit einer CET11 Quote von 14,1 Prozent und einer LCR2 von 144 Prozent per Ende 2022 war die Credit Suisse aus Risiko- und Liquiditätssicht gut aufgestellt und hätte anhand dieser Indikatoren eine Krise überstehen sollen. Die Kehrseite einer guten Kapitalausstattung kann sich jedoch in höheren Kosten auswirken, die den Banken entstehen, um die Regulatorik einzuhalten. Im Gegensatz zu amerikanischen Banken weisen europäische Banken seit Jahren eine geringe Rentabilität auf. Der Verlust der Credit Suisse in Höhe von 7,45 Mrd. € sowie wiederkehrende Betrugsvorwürfe führten dazu, dass Kunden das Vertrauen in die vermeintlich gut aufgestellte Bank verloren und massiv Gelder abzogen, was letztlich zur Insolvenz führte.

In den USA hingegen hat der Abbau umfangreicher Regulierungsmaßnahmen dazu geführt, dass amerikanische Banken über geringere Eigenkapitalquoten verfügen und daher schneller in Schwierigkeiten geraten können. Erneut führte der massive Geldabzug der Anleger dazu, dass die SVB zu Notverkäufen von Wertpapieren gezwungen war, was die Eigenkapitelausstattung massiv schrumpfen ließ.

Der Vergleich zeigt, dass unterschiedliche Ursachen die gleiche Wirkung haben können und die unterschiedlichen Ausgangslagen die Banken nicht vor einer Insolvenz schützen konnte. Im Hinterkopf sollte man außerdem behalten, dass bei keiner der Insolvenzen die klassischen finanziellen Bankrisiken, wie zum Beispiel hohe Kreditausfälle oder Zinsänderungen, zur Insolvenz geführt haben. Ausschlaggebend war immer das Reputationsrisiko  und der damit verbundene Vertrauensverlust der Kunden und Investoren in Kombination mit Missmanagement von finanziellen Risiken wie dem Zinsänderungsrisiko.

Den Ausführungen lässt sich entnehmen, dass das Reputationsrisiko nicht nur ein „Marketing-Risiko“ darstellt, ob die Bank positiv oder weniger positiv am Markt wahrgenommen wird, sondern das Reputationsrisiko bis zur Insolvenz führen kann. Die jüngsten Entwicklungen rund um das Thema Nachhaltigkeit in Bezug auf regulatorische Anforderungen aber auch auf Verbraucher-/Kundenverhalten könnten dieses Risiko in Zukunft noch verstärken. Laut einer Studie wünschen sich zwei Drittel der Befragten, dass sich ihre Hausbank stärker mit dem wichtigen Thema Nachhaltigkeit beschäftigt,3und fordern die Banken indirekt dazu auf, ihre Anstrengungen zur Nachhaltigkeit ihres Geschäftsmodells zu verstärken.

In der Studie „Sustainable Banking“ aus dem Jahr 2022 haben wir gezeigt, dass der Umsetzungsstand  der Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsrisiken im Risikomanagement bei 80 Prozent der Banken unter 50 Prozent liegt. Welche Auswirkungen die Zurückhaltung der Banken auf ihr Geschäftsmodell haben wird, lässt sich nur schwer vorhersagen. Es zeichnet sich allerdings, nicht nur aufgrund der aktuellen klimatischen Herausforderungen, rund um Waldbrände, Hitzerekorde, Diskussionen um Wärmepumpen, aber auch weiteren politischen oder gesellschaftlichen Entscheidungen ab, dass eine fehlende Beschäftigung mit dem Thema Nachhaltigkeit und deren ganzheitliche Einbettung in die Geschäfts- und Risikostrategie zu höheren Risiken, vor allem der Nicht-finanziellen Risiken, im Finanzsektor führen wird.

Nicht-Finanzielle Risiken – aus dem Windschatten der finanziellen Risiken

Unter Nicht-Finanziellen Risiken (NFR) versteht man die Risiken von Banken, die sich aus den operativen Prozessen von Banken ergeben und über die klassischen finanziellen Risiken hinausgehen. Während sich Banken und Aufsichtsbehörden lange Zeit hauptsächlich auf finanzielle Risiken konzentrierten und fortschrittliche Ansätze zur Messung und Steuerung derselben entwickelt haben, haben sich Nicht-Finanzunternehmen bereits ausführlich mit den NFR befasst. In den letzten Jahren sind jedoch auch nicht-finanzielle Risiken im Finanzsektor in den Fokus gerückt. Die nachfolgende Aufzählung gibt einen Überblick über die wichtigsten NFR.NFR)

Non-Financial Risks (NFR):

  • Operationelle Risiken
  • Reputationsrisiko
  • Geschäftsrisiko
  • Strategisches Risiko
  • Rechtsrisiko
  • IT-Risiko
  • Compliance Risiko

Eine standardisierte Vorgehensweise zur Messung und Steuerung der NFR existiert bislang noch nicht. Die Heterogenität der NFR macht eine standardisierte Messung komplex. Darüber hinaus ist die Verantwortung für die einzelnen Risikoarten häufig auf verschiedenste Abteilungen und Prozesse in der Bank verteilt, sodass die Schaffung eines einheitlichen NFR-Frameworks mit einem hohen Aufwand verbunden ist. Die Entwicklungen im laufenden Jahr zeigen jedoch, dass sich Banken dringend mit den NFR auseinandersetzen müssen.

Aus diesem Grund wollen wir anhand eines beispielhaften ESG-Risikos zeigen, welche Auswirkungen dies auf die Messung und Steuerung der NFR hat und wie sich Banken resilient aufstellen können.

Einflüsse von ESG-Risiken auf das Non-Financial Risk-Profil

ESG-Risiken haben das Potenzial des negativen Einflusses auf alle Geschäftsbereiche und Risikoarten. Die größten kurzfristigen Auswirkungen für deutsche/europäische Banken innerhalb der ESG-Risiken haben derzeit die transitorischen Risiken, die unter anderem in Form politischer Änderungen, wie beispielsweise der Einführung eines CO2-Preises entstehen können. Dies wirkt sich besonders negativ auf Unternehmen mit hohen CO2 Emissionen aus, da deren Kosten sprunghaft steigen würden. Wenn Banken dies in ihrer Geschäfts- und Risikostrategie bei steigendem Risiko nicht berücksichtigt haben, besteht die Gefahr, dass langfristige Kundenbeziehungen  zu Unternehmen aufgelöst werden müssen, da die Risiken falsch eingeschätzt wurden. Steigende Reputationsrisiken sind die Konsequenz.

Der Ruf der Kunden nach mehr Nachhaltigkeit zwingt Banken dazu, ihre Geschäftsmodelle nachhaltiger auszurichten. Sei es durch die Einführung nachhaltiger Produkte, die Reduzierung des eigenen CO2 Ausstoßes oder die Berücksichtigung im Risikomanagement, Nachhaltigkeit wird gefordert. Banken, die jetzt noch zögern, könnten steigende Reputationsrisiken riskieren, da Kunden auf nachhaltigere Konkurrenzprodukte ausweichen könnten. Die Insolvenz der Credit Suisse hat gezeigt, wie stark sich rückläufige Erträge sowie der Vertrauensverlust der Kunden und Investoren in die Bank auswirken können.

Insbesondere die Branchen mit hohen ESG-Risiken werden in  naher Zukunft einen höheren Finanzierungsbedarf zur Transformation ihres Geschäftsmodells haben. Die Anforderungen der EU-Taxonomie verlangen von Banken, den Anteil an nachhaltigen Investments in ihrem Portfolio zu erhöhen (Green Asset Ratio), was bedeutet, dass die Kreditvergabe an nicht nachhaltige Unternehmen verringert werden muss, um die aufsichtliche Kernkapitalquote konstant zu halten. Da die betroffenen Unternehmen weiterhin ihre Finanzierung sicherstellen müssen und Banken ebenso dazu angehalten sind „Transitionskredite“ an nicht-nachhaltige Unternehmen zu gewähren, kann es vor allem in der Anfangszeit, in der noch keine branchenweiten Standards geschaffen wurden, zu erhöhten Rechts- und Betrugsrisiken aufgrund einer zunehmenden Zahl von Rechtsstreitigkeiten mit und Betrugsversuchen durch Kunden kommen.

Neben den steigenden rechtlichen Risiken mit Kunden kann auch die Vielzahl neuer Regulierungen mit prozessübergreifender Relevanz Banken vor die Herausforderung stellen, innerhalb kürzester Zeit breites Nachhaltigkeits-Knowhow aufzubauen. Verschärft durch den Fachkräftemangel und fehlende Branchenstandards kann die Anzahl an Gesetzesverstößen auf Grund von fehlender oder unvollständiger Integration von ESG-Risiken steigen und sich dadurch wiederum erhöhte Rechts- und Compliance-Risiken ergeben.

Ansätze für ein effektives Management der NFR

Für ein effektives Management von NFR müssen Banken zunächst eine einheitliche und institutsspezifische NFR-Taxonomie einführen, inklusive der Definition von Verantwortlichkeiten für die Steuerung der NFR. Aufgrund der hohen Komplexität der NFR verfügen Banken oft nur über dezentrale Strukturen für einzelne NFRs, eine ganzheitliche und zentrale Steuerung der Risiken fehlt jedoch. Es fehlt damit der Überblick über die unterschiedlichen Prozesse zur Etablierung einer konsistenten Risikosteuerungsstrategie . Aus diesem Grund sollten die dezentralen Prozesse zusammengeführt und die durch die Taxonomie neu identifizierten Risiken in die Risikoinventur des Instituts aufgenommen werden.

Zusätzlich müssen die unterschiedlichen Risk Assessments ineinandergreifen. Zu diesem Zweck bietet es sich an, ein ganzheitliches NFR-Rahmenwerk einzuführen, inklusive einer Softwarelösung zur Identifikation, Messung und Steuerung sowie zum Reporting. Zur Messung der NFR müssen für jede Risikokategorie einheitliche Risikoparameter getestet werden. Quantitative Parameter lassen sich zum Beispiel aus dem Risk Assessment Frameworks ermitteln. Allerdings werden qualitative Indikatoren weiterhin eine signifikante Rolle spielen.

Der Fokus auf ESG-Risiken sorgt dafür, dass Non-Financial Risks und Financial Risks (FR) zusammenwachsen, da der Eintritt von Klimaereignissen oder Änderungen von politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen  beide Risikoarten beeinflussen können. Bei der notwendigen Überarbeitung der Risikostrategie und des Risikoappetits aufgrund von ESG-Risiken ist es sinnvoll, die Auswirkungen sowohl auf NFR als auch auf FR zu berücksichtigen.

Die Vermeidung jeglicher ESG-Risiken führt nicht zum Ziel. Im Euroraum beträgt der Anteil der Bankkredite am Fremdkapital nicht-finanzieller Unternehmen über 88 Prozent.4 Die derzeitigen Regularien sollen dafür sorgen, dass Banken verstärkt nachhaltige Unternehmen finanzieren, um transitorische Risiken zu reduzieren. Da jedoch der Finanzierungsbedarf (noch) nicht nachhaltiger Unternehmen auf Grund der Transformation der Geschäftsprozesse in Zukunft deutlich steigen könnte, besteht für Banken die Möglichkeit, ihr Chancen-Risikoprofil aktiv zu steuern und von den möglicherweise höheren Risikoprämien nicht nachhaltiger Unternehmen zu profitieren. Voraussetzung dafür ist jedoch eine ganzheitliche Risikostrategie, die sowohl NFR als auch FR berücksichtigt.

Eine konsistente Identifikation, Messung und Steuerung der NFR bildet das Fundament für eine zukunftssichere Aufstellung gegenüber den steigenden Aufsichtsanforderungen, sich ändernden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und möglichen Krisen.

Sustainable Banking, ESG-Risiken, Nachhaltigkeit

Sustainable Banking

Nachhaltigkeit ist aus der Branche Banking nicht mehr wegzudenken. Treiber sind zum einen die Initiativen von Gesetzgebern und Regulatoren. Aber auch Kunden stellen vermehrt nachhaltige, umweltfreundliche und klimaschonende Aspekte in den Mittelpunkt ihrer Finanzentscheidungen. Um den langfristigen ökonomischen Erfolg zu sichern sowie die regulatorischen Hürden zu meistern, müssen Banken frühzeitig ihre Geschäftstätigkeit auf Nachhaltigkeitsziele ausrichten und fit sein für den Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken.

Wie sieht die optimale Vorbereitung auf eine nachhaltige Zukunft in der Branche Banking aus? Dieser Frage gehen wir in unserer Serie Sustainable Banking auf den Grund. Mehr Informationen zu diesem Zukunftsthema finden Sie auf unserer Webseite.

Quellen
Luis Thoma

Luis Thoma

ist bei msg for banking im Bereich Non Financial Risk und Sustainable Finance tätig. Seine Schwerpunkte liegen dabei auf dem Thema operationelle Risiken sowie auf Themenstellungen rund um Sustainable Banking, wie Klimastresstests und ESG-Anforderungen.

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