Fachartikel

Aufseher nehmen Risikotragfähigkeit ins Visier

Die BaFin hat neue Bewertungskriterien für die Risikotragfähigkeit eingeführt. Um den Anforderungen zu genügen, ist es ratsam zu wissen, worauf weniger bedeutende Kreditinstitute bei der Umstellung des Internal Capital Adequacy Assessment Process (ICAAP) achten sollten.

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Auszug aus dem Fachartikel „Aufseher nehmen Risikotragfähigkeit ins Visier“

Erschienen in der Fachzeitschrift Bankmagazin 11-2023

Spätestens seit Anfang 2023 müssen nicht nur alle großen, sondern auch alle Less-significant Institutions (LSI) in Deutschland, also kleinere und mittlere Kreditinstitute, ihre Risikotragfähigkeit (RTF) mithilfe der ökonomischen und normativen Perspektive statt des früher häufig verwendeten Going-Concern-Ansatzes beurteilen. Die neuen, von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) festgelegten Verfahren stellen höhere Anforderungen etwa hinsichtlich der adversen Szenarien, des höheren Konfidenzniveaus, der Form der Risikomessung und des Verständnisses durch die Geschäftsleitung.

Auswirkungen der Umstellung

Die Umsetzung der neuen Anforderungen führte in den meisten Instituten zu tiefgreifenden Veränderungen im Risikomanagement.

Insbesondere die wertorientierte Ermittlung von Risiken und Risikodeckungspotenzial (RDP) war häufig herausfordernd.

Oft ging die Umstellung mit der kompletten Neuentwicklung von Methoden zur Risikoquantifizierung einher. Zudem flossen aufgrund der barwertigen Betrachtung und der expliziten Anforderungen aus dem ICAAP-Leitfaden zur Berücksichtigung von Credit-Spread- und Migrationsrisiken häufig neue Risikoarten in die RTF-Betrachtung mit ein.

Darüber hinaus führten die Anforderungen der normativen Perspektive zu zahlreichen Änderungen in den Prozessen innerhalb der Institute. Die Kapitalplanung, deren Stellenwert durch die Einführung der normativen Perspektive deutlich stieg, erfordert nun die Zusammenarbeit vieler Abteilungen.

Insbesondere Banken, deren Umstellung erst mit Ablauf der Frist erfolgte, hatten bisher nicht die Möglichkeit, Erfahrungswerte zu sammeln. Eine Auswirkung ist für die meisten Institute ein Anstieg des SREP-Zuschlags (Supervisory Review and Evaluation Process) und damit der einzuhaltenden Kapitalquoten. Der SREP-Zuschlag setzt sich aus einer Komponente für das Zinsänderungsrisiko sowie einer Komponente für Überhänge und sonstige wesentliche Risiken gegenüber den in Säule 1 ermittelten Risikowerten zusammen. Aufgrund des nun geforderten hohen Konfidenzniveaus und neuer wesentlicher Risikoarten steigen die relevanten Überhänge, so dass sich für viele Institute insgesamt ein höherer Aufschlag für diese Komponente ergibt. Dies ist auch nach der Berücksichtigung des neu eingeführten Konversionsfaktors, wie er im Protokoll des Fachgremiums MaRisk am 22. März 2022 unter Top 4a1 ausgeführt ist, für derartige Überhänge noch der Fall.

Eine weitere Auswirkung der Umstellung ist eine deutlich größere Schwankung der ökonomischen Auslastung der RTF. Dies ist durch das höhere Konfidenzniveau in der Risikoquantifizierung begründet, was zur Folge hat, dass bereits kleinere Schwankungen der Inputs zu signifikant unterschiedlichen Outputs der Risikomodelle führen. Dieser Effekt wird durch ein volatileres RDP noch verstärkt. Die Komponenten des RDPs reagieren aufgrund der barwertigen Betrachtung und Berücksichtigung von stillen Lasten und Reserven künftig sensitiver auf Änderungen. Des Weiteren machen sich Änderungen auf der Risikoseite, über die im RDP anzusetzenden erwarteten Verluste, Kosten und operationellen Schäden über die Restlaufzeit, im RDP bemerkbar. Dadurch können sich Risiken erhöhen, während sich das verfügbare RDP gleichzeitig verringert und umgekehrt.

Die Umstellung bringt jedoch auch Vorteile mit sich, die sich insbesondere in der aktuellen Phase der Marktveränderungen zeigen.

Das Risikoreporting reagiert aufgrund der wertorientierten Betrachtung deutlich sensitiver. Gefahren durch Änderungen der Credit Spreads oder Migrationen in andere Ratingklassen werden direkt sichtbar. Dadurch bieten sich den Instituten bessere Möglichkeiten, aktiv ihr Geschäft und ihre Risiken zu steuern. Der neue Stellenwert der Kapitalplanung und des adversen Szenarios verbessert die Daten- und Planungsgrundlage für strategische Entscheidungen.

Worauf die Aufseher achten

Für LSIs ist wichtig sicherzustellen, dass Prüfer von Bundesbank oder Wirtschaftsprüfungsgesellschaften alle relevanten Punkte umgesetzt sehen, um gravierende Feststellungen zu vermeiden. Spätestens mit der Übernahme der Credit Suisse durch die UBS ist klar geworden, dass auch die Aufsicht angesichts der starken Zinssteigerungen der jüngeren Vergangenheit und der Turbulenzen am Bankenmarkt vor einigen Herausforderungen steht. BaFin-Chef Mark Branson hatte schon im August 2022 in einem Interview mit der „Deutschen Presse-Agentur“ verkündet, künftig einen härteren Kurs zu verfolgen und mutiger zu agieren. Der neue Kurs wurde auch bereits durch einschlägige Gerichtsurteile gestärkt. Doch worauf liegt der Fokus bei der Prüfung der neuen Risikotragfähigkeitskonzepte und der Methoden zur Risikoquantifizierung und Steuerung?

In ihrem Leitfaden nennt die BaFin drei Kriterien, anhand derer sie Risikotragfähigkeitskonzepte messen wird: Solidität, Wirksamkeit und Vollständigkeit.

Konkrete Hinweise für die Praxis lassen sich daraus jedoch kaum ableiten. Daher haben die Autoren aus der Begleitung von Prüfungen seit der Umstellung der RTF im Folgenden Empfehlungen für die Überprüfung der eingesetzten Verfahren und zur eventuellen Nachbesserung zusammengestellt.

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Artikel: Aufseher nehmen Risikotragfähigkeit ins Visier

Aufseher nehmen Risikotragfähigkeit ins Visier

Mit der Umstellung der Risikotragfähigkeit (RTF) haben sich bei einigen Instituten viele Baustellen aufgetan. In diesem Beitrag stellen die Autoren ihre Erfahrungen aus Prüfungen und der Umstellung des Internal Capital Adequacy Assessment Process (ICAAP) bei weniger bedeutenden Kreditinstituten (Less-significant Institutions – LSIs) vor. Sie zeigen, worauf LSIs im Kontext der RTF achten müssen und worauf Prüfer besonderen Wert legen.

Veröffentlicht in: Bankmagazin 11-2023

Quelle
Marco Lesser

Marco Lesser

ist Senior Business Consultant im Risikomanagement in der Finanzbranche bei msg for banking.

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