Fachartikel

Sustainable Banking – Transformationsaufgabe der Banken und Folgen für ihre Geschäftsmodelle

Banken spielen bei der Transformation der Volkswirtschaft hin zu mehr Nachhaltigkeit eine entscheidende Rolle, da sie eng mit der Kreditvergabe der Bankenwirtschaft verknüpft ist. Der Beitrag zeigt, welche Auswirkungen die ESG-Bestimmungen auf die Bankenwirtschaft haben und legt die Hemmnisse bei den Nachhaltigkeitsbestrebungen dar.

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Auszug aus dem Fachartikel „Sustainable Banking – Transformationsaufgabe der Banken und Folgen für ihre Geschäftsmodelle“

Der Klimawandel kommt schneller als bislang vermutet und die Folgen sind schon deutlich sichtbar und leider auch erlebbar.1 Verursacher ist der Mensch, wie  der Bericht des Weltklimarates vom 9. August 2021 zweifelsfrei belegt hat. Hitzewellen und andere Extremwetterereignisse, wie etwa Starkregen oder Tornados in Landstrichen, in denen diese Wetterereignisse bislang nicht vorgekommen waren, werden zunehmen. Dem Network for Greening the Financial System (NGFS)2 zufolge begrenzen die bislang verabschiedeten politischen Maßnahmen, auch als current policies bezeichnet, die Klimaerwärmung nur auf rund drei Grad, was mit hohen physischen Risiken verbunden ist. Auch die sogenannten Kipppunkte sind problematisch, da bei deren Überschreiten eine massive Beschleunigung des Klimawandels irreversibel ist (zum Beispiel Schmelzen der Eisdecken in Grönland und der Westantarktis). Dabei sind diese Kipppunkte weder exakt bestimmbar noch die Folgen hinreichend genau abschätzbar.3 Die dürftigen Ergebnisse der UN-Klimakonferenz COP27 lassen leider befürchten, dass zu viel wertvolle Zeit verstreicht zum Umschwenken auf den 1,5 Grad-Pfad.

Zwar sind Klimaschwankungen per se nicht neu, wohl aber ist es der menschliche Beitrag, der als Brandbeschleuniger wirkt.4 So ist im Zuge der Klimaerwärmung die mittlere Temperatur auf der Erde innerhalb der letzten 100 Jahre um gut ein Grad angestiegen. Dies ist auf den ersten Blick ein geringer Anstieg im Vergleich zur letzten Eiszeit, die vor etwa 11 000 Jahren mit Beginn des Holozäns endete. Damals gab es auf der Nordhalbkugel Klimaschwankungen von über zehn Grad innerhalb weniger Jahrzehnte – verursacht durch veränderte Meeresströmungen, speziell des Golfstroms beziehungsweise des Nordatlantikstroms, als sensible Reaktion auf Änderungen des Salzgehaltes. In unserer Zeit liefert der Nordatlantikstrom warmes Wasser vom Golf von Mexiko bis in das Nordpolarmeer und deshalb fallen die Winter in Europa wesentlich milder aus als etwa in Nordamerika. Jetzt im Holozän befinden wir uns ineinem noch stabilen Zustand mit der Folge vergleichsweise geringer Klimaschwankungen. Das Klimasystem reagiert aber sehr heftig und kurzfristig auf das Überschreiten von letztlich unbekannten Temperaturschwellen. Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung befürchtet gar,5 dass der Golfstrom noch schneller als bisher angenommen versiegen und Mitteleuropa innerhalb weniger Jahrzehnte deutlich abkühlen könnte.

Banken und ESG-Risiken

Bei der dringend nötigen ökologischen Transformation der Volkswirtschaft kommt der Bankenbranche eine zentrale Bedeutung zu. Die Konsequenzen für die Institute sind sehr weitreichend, da sie insbesondere die Geschäftsmodelle samt der Geschäfts- und Risikostrategie, aber auch das Risikomanagement, die Produkt- und Preispolitik sowie den Außenauftritt und die Offenlegung betreffen. Institute, die hier zögerlich agieren, werden nicht nur mit dem steigenden regulatorischen Druck konfrontiert, sondern sie verspielen die eigene Zukunft. Der Beitrag skizziert die Transformationsaufgabe der Banken und die Folgen für ihre Geschäftsmodelle unter Bezugnahme auf zwei aktuelle Studien zu „Sustainable Banking“.6

Die ESG-Risiken (Environment, Social, Governance) – hier wird in erster Linie auf die E-Risiken in Form des Klimawandels Bezug genommen – treffen die Institute in doppelter Hinsicht.7 Erstens wirken die ESG-Risiken auf das Kerngeschäft, da Vertragspartner, insbesondere Firmenkunden, physischen und transitorischen Risiken ausgesetzt sind:

  • Überflutungen können den zentralen Produktionsstandort eines Firmenkunden gefährden,
  • staatliche Regulierung verändert die Produktpolitik gravierend (Plastikproduktion, Dieselmotoren) und
  • die Kundenpräferenzen verschieben sich merklich als Reaktion auf den Klimawandel und die Umweltverschmutzung (Stichwort Billigfleisch).

Zweitens – und das ist ausschlaggebend für die Erfüllung der Transformationsaufgabe – entscheiden die Institute mit ihrer Kreditvergabe maßgeblich darüber, welche Investitionen finanziert werden.8 Die Transformation der Volkswirtschaft hin zu mehr Nachhaltigkeit ist folglich in einem hohen Maß mit der Kreditpolitik der Bankwirtschaft verknüpft. Die Anlageseite ist kunden- und bankenseitig gleichermaßen tangiert. Bekanntlich boomt die Nachfrage nach Green Bonds und Green ETFs, auch wenn nicht immer sicher ist, ob der verbriefte Inhalt auch tatsächlich „grün“ ist.

Anpassung der Vertriebsprozesse nötig

Nachhaltigkeit betrifft die Institute damit keineswegs nur im Außenauftritt – es reicht nicht, auf Photovoltaikanlagen auf dem Bankgebäude oder Elektroautos als Dienstwagen zu verweisen. Massiv ist auch die Kreditvergabeentscheidung samt Anpassungen im Rating und Pricing betroffen.9 Die Vertriebsprozesse müssen angepasst werden und das Risikomanagement muss die Risikoinventur erweitern, da die einzelnen klassischen Risiken, namentlich die Kreditrisiken, jeweils um Nachhaltigkeitsrisiken zu ergänzen sind. Hoher IT-Aufwand entsteht in der Offenlegung, insbesondere, weil die Ermittlung neuer Kennzahlen, wie die Green-Asset-Ratio (GAR) vorgeschrieben wird.

Auch das klassische Geschäftsmodell der Banken wird massiv anzupassen sein. Die etablierten Institute sehen sich einem geänderten Kundenverhalten und einem rasanten Wachstum der Ökobanken gegenüber. In der Geschäftsstrategie muss darauf eine Antwort gegeben werden. Mehr noch: Nachhaltigkeit wird zum „New Normal“,das heißt, Gewinnerzielung ohne stringente ökologische Ausrichtung wird künftig kaum mehr möglich sein. Wie die bereits erwähnten Studien belegen, ist der Umbau der Institute zu mehr Nachhaltigkeit in der operativen Umsetzung bisweilen nicht einfach angesichts zahlreicher Hemmnisse, etwa im Personal- und IT- Bereich. […]

Sustainable Banking – Transformationsaufgabe der Banken und Folgen für ihre Geschäftsmodelle

Unser Experte zeigt die Auswirkungen der ESG-Bestimmungen auf die Bankenwirtschaft sowie die Hemmnisse bei den Nachhaltigkeitsbestrebungen auf.

Veröffentlicht in: Zeitschrift FLF Finanzierung Leasing Factoring 01-2023

 

Quellen

Weitere Fachbeiträge von Prof. Dr. Konrad Wimmer

Viele weitere Fachbeiträge von Prof. Dr. Konrad Wimmer zum Thema Nachhaltigkeit, aber auch zu regulatorischen und weiteren Themen, finden Sie hier auf Banking.Vision.

Sustainable Banking, ESG-Risiken, Nachhaltigkeit

Sustainable Banking

Nachhaltigkeit ist aus der Branche Banking nicht mehr wegzudenken. Treiber sind zum einen die Initiativen von Gesetzgebern und Regulatoren. Aber auch Kunden stellen vermehrt nachhaltige, umweltfreundliche und klimaschonende Aspekte in den Mittelpunkt ihrer Finanzentscheidungen. Um den langfristigen ökonomischen Erfolg zu sichern sowie die regulatorischen Hürden zu meistern, müssen Banken frühzeitig ihre Geschäftstätigkeit auf Nachhaltigkeitsziele ausrichten und fit sein für den Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken.

Wie sieht die optimale Vorbereitung auf eine nachhaltige Zukunft in der Branche Banking aus? Dieser Frage gehen wir in unserer Serie Sustainable Banking auf den Grund. Mehr Informationen zu diesem Zukunftsthema finden Sie auf unserer Webseite.

Konrad Wimmer

Prof. Dr. Konrad Wimmer

ist promovierter Diplom-Kaufmann und bei msg for banking für die strategische Themenentwicklung verantwortlich. Sein Fokus liegt auf den Themen Sustainable Finance, Bankcontrolling, Finanzmathematik, Geschäftsfeldsteuerung, wertorientierte Vertriebssteuerung und Risikomanagement. Er berät Banken zu diesen Themen und ist erfahrener Referent und Autor.

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