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Klimastresstests in der Bankenpraxis: Adressrisiken und aktuelle Entwicklungen

Im Jahr 2023 haben sich bedeutenden Änderungen in der Branche Banking im Hinblick auf Klimastresstests und das Adressrisiko ergeben. In diesem Blogbeitrag erfahren Sie mehr über die aufsichtlichen Entwicklungen und den Umgang mit den aktuell anstehenden Anforderungen abgeleitet aus den ESG-Parameterszenarien und der Fit-for-55 EBA Klimarisiko-Szenarioanalyse.

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Klimastresstest in der Bankpraxis und Adressrisko

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Richtungsweisende aufsichtliche Entwicklungen

Um die vom European Green Deal geforderte CO2-Reduktion von 55% bis 2030 realisieren zu können, wurden in den letzten Jahren einige regulatorische Neuerungen und Aktivitäten angesetzt. Die Umsetzung dieser stellt Institute heute vor deutliche Herausforderungen im Rahmen der Datenversorgung und Risikoüberwachung. Dabei können die aufsichtsrechtlichen Anforderungen, die an die großen Institute schon heute gestellt werden als richtungsweisend für alle Institute betrachtet werden:

Im Rahmen der Säule 2 zur Risikotragfähigkeit sind insbesondere die MaRisk Novelle 7 mit folgenden Anforderungen zu berücksichtigen:

  • AT 4.1 ESG-Risiken müssen in die ökonomische und normative Perspektive der Risikotragfähigkeit aufgenommen werden
  • AT 4.3.3 Stresstest: Berücksichtigung von ESG-Risiken
  • BT 3.1/3.2 ESG-Risiken in der Risikoberichtserstattung
Abbildung 1: Fachliche Einordung der ESG-Klimastresstests im Konzept Adressrisiko, eigene Darstellung

Abbildung 1: Fachliche Einordung der ESG-Klimastresstests im Konzept Adressrisiko, eigene Darstellung

Szenarien in aufsichtlichen Publikationen

Bei den ESG-Risiken legt die Aufsicht einen besonderen Fokus auf die Adressrisiken. Im aktuell anstehenden „Fit for 55“-Klimastresstest 2023/2024 erhalten die Ausfallwahrscheinlichkeiten von Unternehmen, die Kreditqualität von Haushalten und die Adressrisikospreads von Bonds eine besondere Gewichtung bei der Risikoanalyse für die EZB beaufsichtigten Institute.

Da mit der aktuellen MaRisk Novelle nun alle Institute zu Klimastresstests im Rahmen der ökonomischen und normativen Perspektive der Risikotragfähigkeit verpflichtet sind, verstärken die Institute derzeit ihre Anstrengungen zu den Klimastresstests. In der 7. MaRisk Novelle stellt die Bankenaufsicht zudem klar, dass Banken bei der Stresstest-Konzeption auf wissenschaftliche Erkenntnisse zurückgreifen sollten.

Das Network for Greening the Financial System (NGFS) hat es sich zur Aufgabe gemacht, Kreditinstituten diese wissenschaftliche Grundlage zur Verfügung zu stellen. Das NGFS bringt naturwissenschaftliche und ökonomische Modellframeworks zusammen, um mögliche Szenarien zur Messung von Klimarisiken zu konzipieren. Für Banken bietet sich mit Hilfe der Szenarien die Möglichkeit, Storylines für die Stresstestkonzeption zu entwickeln und eine Quantifizierung der Risken durchzuführen. Die Integrated Assessment Models (GCAM, MESSAGEix-GLOBIOM, REMIND-MagPIE) und das makroökonomischen Modell NiGEM des NGFS übersetzen dabei sechs Übergangsszenarien in Prognosen für Makro- und Finanzmarkt-Variablen. In den Szenarien werden transitorische und physische Risiken in jeweils unterschiedlicher Ausprägung, betrachtet:

Nationally Determined Contributions_Abbildung_Quelle NGFS

Abbildung 2: Übersicht über die Klimaszenarien des NGFS

Um die Auswirkungen der Transition zu einer Netto-Null-Emissions-Weltwirtschaft besser zu erfassen, modelliert die Bankenaufsicht nun im Rahmen „Fit for 55“ drei weitere Szenarien, die auch die aktuellen Herausforderungen des Ukrainekriegs und ein Herunterbrechen der Risiken auf Branchen berücksichtigen. Auch die konkreten Auswirkungen von politischen Handlungsoptionen auf das Finanzsystem werden quantifiziert. Sobald Ergebnisse dieser komplexen Stresstests veröffentlicht sind, können diese durchaus als Quantifizierungsgrundlage für Klimastresstests kleinerer Institute herangezogen werden. Dies bleibt jedoch noch abzuwarten.

In einer jüngsten Veröffentlichung des NGFS werden fünf neue Klimaszenarien präsentiert, welche den Banken Möglichkeiten an die Hand geben sollen, sodass wesentliche transitorische und physische Risiken bereits auf einem Zeithorizont von 3-5 Jahren quantifiziert werden können. Das NGFS reagiert damit auf eine der großen Herausforderung bei der Umsetzung von Klimastresstests: den von der Aufsicht geforderten, jedoch nicht genau spezifizierten Zeithorizont von Klimastresstests (siehe bspw. AT 4.3.3, MaRisk Novelle 7: „(…) langen, über den regulären Risikobetrachtungshorizont hinausgehenden Zeitraum“). Drei transitorische Szenarien, welche zu einer CO2-Neutralität bis 2050 führen, und zwei physische Szenarien, welche zum Verfehlen dieses Zieles führen, werden dort skizziert.

Übersicht über die kurzfristigen Szenarien des NGFS.

Abbildung 3: Übersicht über die kurzfristigen Szenarien des NGFS.

Während das NGFS-Modellierungsmöglichkeiten dieser kurzfristigen Szenarien empfiehlt und eine Liste wünschenswerter makroökonomischer und finanzmarktrelevanter Variablen aufzeigt, so müssen Banken auf eine in der Praxis anwendbaren Datengrundlage auch hier noch warten.

Praktische Umsetzung in den Instituten

Die Veröffentlichungen der Aufsicht (EBA, EZB und Bundesbank) und des NGFS bieten mit Ihren Modellen und den bereits vorhandenen resultierenden Daten schon heute eine hervorragende Grundlage für die Entwicklung der Klima-Stresstests nach MaRisk Novelle 7. Diese aggregierte Datenbasis ist allerdings um adress- und sicherheitsspezifische Energie-/Emissions- und Bilanzdaten sowie weitere Umweltdaten zu ergänzen.
So sollten Institute beispielsweise darauf achten, dass bei der Berechnung von transitorischen Risiken für ihr Unternehmenskreditportfolio ein branchenweites Herunterbrechen der PD-Shifts vorgenommen wird. Dies bietet neben einer sauberen Quantifizierung von ESG-Risiken auch Steuerungsimpulse und Risikooptimierungspotentiale für die Institute. Um das transitorische Risiko für immobilienbesicherte Positionen zu quantifizieren, ist ein LGD-Stress anhand von EPC-Leveln bzw. Energieeffizienzniveaus sinnvoll. Im Rahmen der Bewertung von Flutrisiken als wesentliches physisches Risiko sollte eine Betrachtung nach geografischer Lage erfolgen. In der Praxis kann selbstverständlich je nach Ambitionsniveau, welches sich am Proportionalitätsprinzip orientieren darf, mit Expertenschätzungen und Proxys (bspw. aus öffentlich verfügbaren Daten) gearbeitet werden.

msg for banking bietet in diesem Zusammenhang sowohl softwareseitig als auch in der Beratung Unterstützung zu den Klimastresstests.

Ganzheitliche Lösungen der msg for banking

Im Rahmen einer neuen Softwarelösung des Climate Risk Stresstesting aaS stellt die msg eine Parameterermittlung von ESG-PD- und LGD-Shifts für verschiedene ESG-Szenarien zur Verfügung. Diese umfassen:

  • Branchenweise PD-Shifts anhand verschiedener NGFS-Szenarien und einem msg-eigenem Makromodell für transitorische, bonitätsbezogene Risiken
  • LGD-Shift je Überschwemmungsrisikolevel für physische Risiken von immobilienbesicherten Positionen auf Adressenebene
  • LGD-Shift je EPC-Level (alternativ: Baujahr) für transitorische Risiken von immobilienbesicherten Positionen
Key Features ClimateRisk Stresstesting aaS mit Fokus Adressrisiko

Abbildung 4: Erste verfügbare Stresstests des Klimarisikos im ClimateRiskStresstesting as a Service, eigene Darstellung

Die ESG-Parameterszenarien können im Rahmen der ökonomischen Perspektive der Adressrisikotragfähigkeit genutzt werden. Hier ergeben sich aus den CVaR-Risikobeiträgen der Kreditnehmer in den Klimastresstest auch wertvolle Impulse für die Kreditrisiko-Asset-Allokation.

Die Parameterszenarien können zudem erste Hinweise für ein risikoadjustiertes Pricing mit ESG-spezifischen Parametern bieten, da PD- und LGD-Verläufe für mehrere Jahre in die Zukunft prognostiziert werden. So können die Stress-Parameter für Parallelkalkulationen von Standardrisikokosten verwendet werden und so den Darlehensberatern in den Filialen eine Indikation für die oberen Schranken von Risikokosten geben.

Auch die Integration von ESG-Szenarien in die normative Perspektive erfordert nicht nur einen 1-Jahres Prognosehorizont. Mehrjährige ESG-Szenarien wirken auf die mehrjährige GuV-Planung und die Eigenmittelprogose ebenso wie auf die RWA-Prognosen. Auf der Eigenmittelseite ergibt sich der Wirkzusammenhang von PD-/LGD-Shift über die PWB- und Impairmentplanung. Auf der Risikoseite werden zwar derzeit im KSA-Ansatz noch keine erhöhten Risikogewichte für ESG-Risikopositionen von der Aufsicht gefordert. Allerdings ergeben sich schon heute erhöhte Risikogewichte in den ESG-Szenarien der normativen Perspektive der Risikotragfähigkeit, insbesondere für IRB-Institute. Aber auch KSA-Institute sind im Bereich Staaten, Banken und Unternehmen bei den ESG-Szenarien von RWA-Erhöhungen betroffen.

Um die mehrjährige PWB-Prognose und RWA-Prognose sinnvoll darstellen zu können, stehen die Institute neben der ESG-Szenariointegration auch vor der Herausforderung Neugeschäft zu integrieren. Dabei müssen die Szenarioberechnungen so flexibel sein, dass PD- und LGD-Shifts entlang unterschiedlicher Dimensionen gestresst werden können.

Wichtige Hinweise, welche Dimensionen für ESG-Szenariomodellierungen in Frage kommen, können den Datenanforderungen der Aufsicht entnommen werden. So nutzt die Aufsicht im Rahmen der Fit-for-55 Klima-Szenarioanalyse Einzeladressen, EPC-Levels, geografische Informationen und NACE-Wirtschaftssektoren als Stress-Szenario-Dimensionen.

Datenanforderungen Fit-for-55 EBA Klimarisiko-Szenarioanalyse

Abbildung 5: Die Datenanforderungen der Fit for 55 Klima-Szenarioanalyse geben Hinweise auf die zu schaffende Datengrundlage der LSI Insitute, eigene Darstellung

Auch unsere bestehenden Produkte entwickeln wir so weiter, dass die auf Basis von wissenschaftlichen Erkenntnissen parametrisierten Klimastresstests gerechnet werden können.

Im Rahmen der Risikotragfähigkeit bietet die ORRP Credit Risikolösung eine CreditMetrics Portfoliomodellumsetzung mit sehr flexibler Szenariofunktionalität, die für teilportfolioweise Stresstests ausgelegt ist. Dabei kann der Benutzer Teilportfolien auf flexiblen Kopfdaten festlegen und dann Parametershifts teilportfolioweise zusammenstellen. So ist die Abbildung von mehreren hundert disjunkten Teilportfolio-Parametershifts problemlos auch für sehr große Portfolien kalkulierbar.

Zielbild für die „neue“ Adressrisikomessung ORRP CreditRisk ergänzt um Climate Stresstesting aaS

Abbildung 6: Mögliche Ziel-Architektur im Zusammenspiel mit ORRP CreditRisk, dem GCPM Nachfolger, eigene Darstellung

Fazit

In Beispielrechnungen zeigt sich eindeutig, dass Institute mit einer ungünstigen Asset-Allokation mit einer deutlich erhöhten CVaR-Volatilität rechnen müssen. Die nachfolgende Grafik vergleicht zwei Beispielinstitute, die sich in der Gewichtung ihrer Exposures in den von transitorischen Klimarisiken stark betroffenen Branchen unterscheiden: während das Institut, dessen Ergebnisse in der unteren Grafik links abgetragen sind, ein geringes Exposure in „braunen Wirtschaftszweigen“ hat, weist das rechts abgetragene Institut durch seine Asset-Allokation ein relativ hohes Klimarisiko auf.

Stressszenario Rechnungen für das transitorische Bonitätsrisiko für Institute mit unterschiedlichen Branchenallokationen

Abbildung 7: Stressszenario Rechnungen für das transitorische Bonitätsrisiko für Institute mit unterschiedlichen Branchenallokationen, eigene Darstellung

Die errechneten Risikobeiträge einzelner Segmente ermöglichen den Instituten, Impulse für die ESG-Risikodiversifikation abzuleiten. In jedem Fall werden solche, die frühzeitig agieren und die Fachkompetenz in der Erkennung von geschäftspolitischen Risiken aufbauen, besser durch die anstehenden Klimaumwälzungen navigieren. Die Bedeutung des Kreditgeschäfts als Finanzierungswirkung für die anstehenden Green-Investments ist jedenfalls aus bankaufsichtsrechtlicher Sicht sowohl als klarer Auftrag als auch als klare Herausforderung benannt.

Möchten Sie mehr über unsere Lösungen für das ESG-Datenmanagement und Klimastresstesting aaS erfahren?

Unsere Experten stehen Ihnen gerne mit weiteren Informationen und Details zur Verfügung. Lassen Sie uns gemeinsam Ihre Herausforderungen besprechen!

Quellen und weitere Informationen
Susanne Hagner

Susanne Hagner

betreut bei msg for banking den Einsatz und die Weiterentwicklung der Adressrisiko- und IFRS-Themen in der Produktsuite THINC. Darüber hinaus begleitet sie Kundenprojekte, konzipiert Softwareerweiterungen, publiziert Fachartikel und referiert zu den Themen Adressrisiko und IFRS.

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