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Sustainable Finance und Coronakrise – Ein Widerspruch?

Mitten in der Corona-Krise stellt sich die Frage, was eigentlich aus den Bestrebungen zu mehr Nachhaltigkeit und der Transformation hin zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft geworden ist, in der die Finanzwirtschaft eine zentrale Rolle spielt.

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Herbstblätter

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Nachhaltigkeit – ja gerne, aber bitte nicht jetzt!

Wirtschaft und Gesellschaft befinden sich aktuell im Sog der weltweiten Coronakrise. Jede/r Bürger/in ist von den Entwicklungen der letzten Monate und Wochen betroffen und wird dies noch einige Zeit sein. Die Bundesregierung, die Regierungen der Länder und die EU versuchen mit allen Mitteln die wirtschaftlichen Auswirkungen zu begrenzen.

Mitten in dieser Krise stellt sich die Frage, was eigentlich aus den Bestrebungen zu mehr Nachhaltigkeit und der Transformation hin zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft geworden ist, in der die Finanzwirtschaft eine zentrale Rolle spielt. Die gute Nachricht aus der Krise ist, dass sich gezeigt hat, dass die Regierungen schnell handlungsfähig sind, wenn es darauf ankommt. Die schlechte Nachricht ist sicher, dass jeder Euro nur einmal ausgegeben werden kann.

Die Sicht des Sustainable Finance-Beirats der Bundesregierung

Es muss also bereits jetzt der Spagat geschafft werden durch die kurz- und mittelfristige Bewältigung der Coronakrise das langfristige Erreichen der Nachhaltigkeitsziele nicht zu gefährden bzw. sogar zu unterstützen. Dies sieht der Sustainable Finance-Beirat der Bundesregierung in seiner aktuellen Stellungnahme zu dem Thema ebenfalls so. Der Sustainable Finance-Beirat soll bei der Erarbeitung einer nationalen Sustainable Finance-Strategie beraten und konkrete Handlungsempfehlungen entwickeln, um den Finanz- und Wirtschaftsstandort Deutschland langfristig zu stärken.

Bereits Anfang März 2020 hatte der Beirat einen Zwischenbericht zur Bedeutung der Finanzwirtschaft für die Transformation der Wirtschaft vorgelegt. Die dort gemachten Vorschläge hält der Sustainable Finance-Beirat auch unter den geänderten Rahmenbedingungen für zielführend, um beispielsweise die Resilienz der Wirtschaft generell zu stärken oder den Finanzierungsbedarf des Bundes über die Ausgabe von sogenannten grünen Anleihen zu decken. Dies kombiniert die aktuell notwendige kurzfristige Existenzsicherung mit den Nachhaltigkeitszielen und stellt so keinen Zielkonflikt, sondern eine vorausschauende Verzahnung dar.

Zwischenbericht

Abbildung: Zwischenbericht des Sustainable Finance-Beirats der Bundesregierung

Handlungsansätze im Zwischenbericht des Sustainable-Finance Beirats

Dem Zwischenbericht des Beirats folgend, soll Deutschland führend im Vorantreiben der Sustainable Finance werden. Deshalb sollen möglichst viele Finanzmarktakteure die Transformation zu einem nachhaltigen Wirtschafts- und Finanzsystem – im Sinne der UN Nachhaltigkeitsziele und des Pari­ser Klimaschutzabkommens – finanzieren und auch vom zu erwartenden Erfolg profitieren. Die sozialen und ökologischen Heraus­forderungen, aber auch der globale Wettbe­werb, machen diese Transformation unverzichtbar. Sie soll die aktuellen Umweltbelastungen stark reduzieren, was sich in mehrfacher Hinsicht sehr positiv auf unsere Gesellschaft auswirken dürfte: Innovationsschub, nachhaltig abgesichertes Wachstum, Arbeitsplatzsicherheit, Wohlstandssicherung und gesellschaftliche Stabilität und die Chance für zukünftige Wettbewerbsfähigkeit.

Genau diese Eigenschaften werden auch nach Bewältigung der akuten Coronakrise gefordert sein, um die Auswirkungen der Krise auf einem akzeptablen Maß zu halten.

Um das Transformationsvorhaben zum Erfolg zu führen, müssen insbesondere die öffentli­che Hand, die Realwirtschaft und die Finanzwirtschaft gemeinsam agieren. Die Bundesregierung wird die Leitplanken zur Neuausrichtung des Wirtschafts- und Finanz­systems festlegen. Sustainable Finance ist dabei als zentrale, ganzheitliche und übergreifende Aufgabe für den Finanzsektor zu verstehen, wobei folgende ausschlaggebende Handlungsansätze zu nennen sind: den CO2-Preis lenkungswirksam, d.h. konform zu den definierten Nachhaltigkeitszielen, zu gestalten, Transformationspfade für alle Wirtschaftssektoren zu entwi­ckeln und Rahmenbedingungen für nachhaltige realwirtschaftliche Investitionen zu schaffen.

Hervorgehoben wird die Förderung der Transformation „vor-Ort“. Hier sollen etwa staatliche Förderprogramme und Garantien mit Hilfe der Sparkassen und Genossenschaftsbanken umgesetzt werden.

Die Unternehmen der Realwirtschaft sollten sich auf eine Ausweitung der Finanz- und Nachhaltigkeitsberichterstat­tung als „integrierte Berichterstattung“ vorbereiten – sie soll schrittweise auf mittelgroße Ka­pitalgesellschaften, KMUs und Unternehmen mit besonderen Risiken ausgeweitet werden.

Nicht neu, aber nach wie vor aktuell ist das Ziel, Gemeingüter und soziale Kosten stärker in der Rechnungslegung zu er­fassen und externe Kosten zu internalisieren und damit in die Güterpreise einzubeziehen. Nachhaltige Produkte werden damit relativ günstiger werden im Vergleich zu nicht-nachhaltigen Produkten.

Ausblick

Die Handlungs­ansätze im Zwischenbericht richten sich in erster Linie an die Bundesregierung. Sie bilden aber auch den Orientierungsrahmen für allen Wirtschafts- und Finanzmarktakteure. Es bleibt abzuwarten, welche Empfehlungen an die Bundesregierung der Abschlussbe­richt letztendlich enthalten wird und wie stark die Erfahrungen aus der Coronakrise noch in diesen eingehen werden.

Wenn der Abschlussbericht vorliegt, werden wir über diesen und die Folgen für die Finanzwirtschaft berichten.

Sustainable Banking

Sustainable Banking

Nachhaltigkeit ist aus der Branche Banking nicht mehr wegzudenken. Treiber sind zum einen die Initiativen von Gesetzgebern und Regulatoren. Aber auch Kunden stellen vermehrt nachhaltige, umweltfreundliche und klimaschonende Aspekte in den Mittelpunkt ihrer Finanzentscheidungen. Um den langfristigen ökonomischen Erfolg zu sichern sowie die regulatorischen Hürden zu meistern, müssen Banken frühzeitig ihre Geschäftstätigkeit auf Nachhaltigkeitsziele ausrichten und fit sein für den Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken.

Wie sieht die optimale Vorbereitung auf eine nachhaltige Zukunft in der Branche Banking aus? Dieser Frage gehen wir in unserer Serie Sustainable Banking auf den Grund. Mehr Informationen zu diesem Zukunftsthema finden Sie auf unserer Webseite.

Prof. Dr. Konrad Wimmer

ist promovierter Diplom-Kaufmann und bei msg GillardonBSM für die strategische Themenentwicklung verantwortlich. Sein Fokus liegt auf den Themen Bankcontrolling, Finanzmathematik, Geschäftsfeldsteuerung, wertorientierte Vertriebssteuerung und Risikomanagement. Er berät Banken zu diesen Themen und ist erfahrener Referent und Autor.

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