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Nachhaltigkeitsrisiken ganz natürlich in die Gesamtbanksteuerung integrieren

Wir sprachen mit Thomas Jorberg, Vorstandsprecher der GLS Bank, über das Geschäftsmodell der GLS Bank und wie Nachhaltigkeitsrisiken in die Gesamtbanksteuerung integriert werden können. Das Interview ist im Rahmen des Updates der Studie Sustainable Banking im Dezember 2022 veröffentlicht worden. Lesen Sie hier das Interview in voller Länge.

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Thomas Jorberg

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In einem kürzlich veröffentlichten Beitrag schreiben Sie bezogen auf die zahlreichen Aktivitäten der Bankenaufsicht, wie z.B. das BaFin-Merkblatt: „(…) und so sind Finanzunternehmen zunehmend angehalten, sich mit diesen Risiken, physischen und transitorischen Klimarisiken im Besonderen, auseinanderzusetzen und sie in ihre Risikosteuerung zu integrieren. Diese Perspektive stellt eine große Chance dar, weil hier das monetäre Eigeninteresse der Finanzunternehmen angesprochen wird. Risikobepreisung ist etwas, das Banken, Versicherer und andere Finanzakteure verstehen, und so bekommt Umweltzerstörung plötzlich einen Preis.“1

Das klingt plausibel, aber die Zeit drängt. U. E. beginnen die meisten Institute sich erst jetzt mit der Frage auseinanderzusetzen, welche Investitionen überhaupt finanziert werden sollen und wenn ja, zu welchem die Nachhaltigkeitsrisiken bepreisenden Kreditzins.

Da Ihr Haus seit vielen Jahren hier Vorreiter ist. Wie schätzen Sie persönlich die Zeitdauer für den Transformationsprozess ein und wo sehen Sie die Stolpersteine – auch vor dem Hintergrund Ihrer langjährigen Erfahrung mit diesen Prozessen?

Welche Highlights würden Sie bezüglich der Entwicklungen bei der GLS Bank der letzten Zeit nennen?

Die Integration von Nachhaltigkeits- und Klimarisiken wird von den Regulatoren aktuell vorangetrieben. Wir als GLS Bank verstehen es als Chance, im engen Austausch mit der BaFin eigene Strukturen zur Integration von Nachhaltigkeitsrisiken für die Gesamtbanksteuerung zu entwickeln. Dabei legen wir unser ganzheitliches und ambitioniertes Nachhaltigkeitsverständnis zugrunde und schaffen integrierte Prozesse. Wir sind mit Klimarisiken gestartet, haben aber weitere Nachhaltigkeitsrisiken von Anfang an mitgedacht und können diese leicht ergänzen.

Es wäre falsch, anzunehmen, dass Nachhaltigkeitsrisiken einfach zusätzlich als unabhängige Faktoren in die Bewertung mitaufgenommen werden könnten. Vielmehr beeinflussen Nachhaltigkeitsaspekte längst alle traditionellen Facetten der Risikobewertung. Nachhaltigkeitsrisiken müssen als integrale und immer dagewesene Faktoren betrachtet werden, statt als neu hinzugekommene Faktoren. Dieser Bewusstseinswandel sowie die Anpassung der entsprechenden Systeme und Prozesse wird im ganzen Finanzsektor meiner Einschätzung nach noch mindestens drei, eher fünf Jahre dauern. Wir haben also noch einen langen Weg vor uns. Die GLS Bank geht mit gutem Beispiel voran und entwickelt praktischen Lösungen, die auch andere Finanzinstitute anwenden können.

Wir als GLS Bank verstehen es als Chance, im engen Austausch mit der BaFin eigene Strukturen zur Integration von Nachhaltigkeitsrisiken für die Gesamtbanksteuerung zu entwickeln.

Thomas Jorberg Vorstandssprecher der GLS Bank

Sie verfolgen ein ambitioniertes Ziel, da Sie ihr gesamtes Anlage- und Kreditportfolio 1,5°C-kompatibel ausrichten wollen. Würden alle Unternehmen einen CO2-Ausstoß aufweisen wie die Unternehmen Ihres Anlage- und Finanzierungsportfolios, so könnte demnach dieses anspruchsvolle Ziel umgesetzt werden.

Um diesen Anspruch aber praktikabel auszugestalten, muss zunächst der CO2-Ausstoß gemessen werden und auf die Klimawirkung bezogen werden. Deshalb rechnen Sie die CO2-Emissionen in die sogenannte X-Grad-Kompatibilität um. Könnten Sie diese Kennzahl kurz erläutern?

Der CO2-Fußabdruck eines Unternehmens ist für sich betrachtet nicht aussagekräftig, solange er nicht im Kontext steht. Man kann nicht ohne weiteres bewerten, ob ein CO2-Fußabdruck von 38.347t CO2-e viel oder wenig ist. Dafür muss man wissen, ob ein Unternehmen mit diesem Fußabdruck kompatibel mit einer Erderwärmung von 1,5 Grad ist. Die X-Grad-Kompatibilität (XDC) ermöglicht diese Kontextualisierung. Sie gibt an, um wieviel Grad Celsius sich die Erde erwärmen würde, wenn alle Unternehmen so emissionsintensiv wirtschaften würden, wie das betrachtete.

Diese Kennzahl für globale Erwärmungspfade für ein Unternehmen oder Portfolio wurde von dem jungen Frankfurter Unternehmen right. based on science entwickelte. Im Rahmen einer strategischen Partnerschaft haben wir gemeinsam mit right.based on science die Übertragung auf den Finanzsektor geleistet. Auch für die GLS Bank ist es herausfordernd, die notwendigen CO2-Daten der Unternehmen unseres Kredit- und Anlagenportfolios zu ermitteln, die das Modell als Inputfaktor braucht. Im Normalfall kann man für eine erste Indikation auf Branchendurchschnitte zurückgreifen. Aufgrund der strengen sozial-ökologischen Ausrichtung unseres Portfolios hätten wir die CO2-Emissionen jedoch stark überschätzt, weshalb wir zusammen mit dem Wuppertal Institut neue und für uns passende Branchendurchschnitte ermittelt haben.

Die Aufsicht scheint diese Kennzahl noch nicht entdeckt zu haben. Hingegen hat sich die Green Asset Ratio durchgesetzt. Wie schätzen Sie diese Kennzahl ein, auch gemessen am von der EU ausgerufenen Ziel der Begrenzung der Erderwärmung?

Die Green Asset Ratio (GAR) gibt lediglich an, wie hoch der Anteil nachhaltiger Unternehmen im Portfolio einer Bank ist. Ob ein Unternehmen nachhaltig ist, definiert die sogenannte EU-Taxonomie zurzeit nur für Klimaaspekte. Natürlich ist es begrüßenswert, dass Anleger*innen nun mehr Informationen über die Klimafaktoren von Finanzangeboten erhalten. Im Gegensatz zu einer XDC berücksichtigt diese neue Kennzahl jedoch keine kontextualen Faktoren und lässt daher auch keine Rückschlüsse bspw. auf eine 1,5-Grad Kompatibilität der Unternehmen im Anlageportfolio der Bank zu. Ziel muss es sein, nur noch solche Unternehmen im Portfolio zu haben, die auf Basis wissenschaftlicher Kennzahlen im Rahmen der planetaren Leitplanken wirtschaften – dies gibt die GAR jedoch nicht an. Daher werbe ich für die XDC als Kennzahl für klimagerechte Investitionen und die Übertragung dieser Vorgehensweise auf die weiteren Bereiche.

CTA Sustainable Banking - Update der Studie

Update der Studie Sustainable Banking

Weitere Interviews und interessante Ergebnisse zum Thema Nachhaltigkeit im Banking entnehmen Sie der aktuellen Studie Sustainable Banking.

Der EZB-Leitfaden zu Klima- und Umweltrisiken spiegelt die aufsichtlichen Erwartungen der EZB wider, den auch LSI ergänzend zum BaFin-Merkblatt als Orientierungshilfe heranziehen sollten.

Der Leitfaden enthält Praxisbeispiele zur Bepreisung des Nachhaltigkeitsrisikos: bei Immobilienkrediten knüpft ein Institut den Kreditzins an den Energieausweis – ein guter Energieausweis reduziert den Zins. Manche Banken verwenden Schatten-Ausfallwahrscheinlichkeiten in Bezug auf Klimarisiken. Erwarten Sie, dass der Wettbewerb zwischen den Instituten zu dieser wünschenswerten Preisdifferenzierung führt oder müssen die regulatorischen Zügel noch mehr angespannt werden?

Nachhaltigkeitsaspekte mit in Risikoausfallwahrscheinlichkeiten zu integrieren, ist keine optionale Ergänzung. Ein Finanzinstitut macht sich ehrlich, indem Ausfallwahrscheinlichkeiten ganzheitlich und unter Bezugnahme von physischen und transitorischen Risiken bewertet werden. Nachhaltigkeit heißt zudem nicht immer, dass die Ausfallwahrscheinlichkeit reduziert ist. Eine risikoadäquate Steuerung schlägt sich wiederum in den Kreditkonditionen nieder. Anstatt zu fragen, ob nachhaltige Unternehmen von besseren Konditionen profitieren sollten, muss diskutiert werden, wieso sich die enormen Risikofaktoren von nicht nachhaltigen Unternehmen nicht in den für sie geltenden Kreditkonditionen angemessen widerspiegeln. Unser Ziel muss eine risikoadäquate Bepreisung sein, den Rest regelt der Markt. Ich bin davon überzeugt, dass dieses Ziel im eigenen Interesse aller Finanzinstitute liegt und gleichzeitig zur dauerhaften Stabilität des Finanzsystems beiträgt.

Ihr Geschäftsmodell als Ökobank floriert zweifelsfrei. Mittlerweile scheint die Kreditwirtschaft insgesamt aber die Nachhaltigkeit als zentrale Aufgabe der nächsten Jahre verstanden zu haben. Droht Ihr Geschäftsmodell von den anderen Instituten aufgesogen und zum neuen „normalen“ Geschäftsmodell zu werden?

Bzw. andersherum, werden Banken, die sich nicht in irgendeiner Weise an Ihrem Geschäftsmodell orientieren, in den kommenden Jahren vom Markt verschwinden?

Sie haben Recht, dass immer mehr Banken nachhaltige Angebote entwickeln. Jede Kopie der GLS Bank oder ihrer Ansätze ist erst einmal ein Kompliment für uns.

Ich beschreibe es gerne so: Wir waren lange Zeit der Leuchtturm, der über eine weite Ebene gestrahlt hat. Nun fangen die anderen um uns herum an, Gebäude hochzuziehen. Da ist aktuell noch viel Fassade dabei, aber die wird stetig mit Hinterbau gefüllt. Die Qualität dessen, was alles als „nachhaltig“ gilt, variiert stark. Es ist durchaus ein Unterschied, ob man sich mit der EU-Taxonomie zufriedengibt oder denkt: das ist ein guter Anfang, muss aber weitergedacht werden.

Auf der einen Seite begrüßen wir diese Entwicklung natürlich sehr. Als GLS Bank treten wir an, um die Transformation zu einer nachhaltigen Gesellschaft voranzutreiben und unterstützen. Je mehr Finanzinstitute uns auf diesem Weg folgen, desto mehr werden wir in unserem Ansatz bestätigt. Gleichzeitig müssen wir uns als Pionierin und Innovatorin weiterhin dafür einsetzen, wir als Gesellschaft einem ganzheitlichen und ambitionierten Nachhaltigkeitsverständnis folgen, das die planetaren Grenzen respektiert und den sozialen Zusammenhalt stärkt.

Die Zinsen sind seit Jahren niedrig und werden es sehr wahrscheinlich noch eine längere Zeit bleiben. Die jüngeren Bankkunden werden demnächst Guthabenzinsen nur vom Hörensagen her kennen. Würden Sie unseren Eindruck teilen, dass durch diese Entwicklung die Frage nach dem „nachhaltigen Impact“ einer Geldanlage mehr ins Zentrum der Kunden rückt und das klassische Streben nach Rendite in den Hintergrund gerät? Ist diese Entwicklung ein Teil des Erfolgs Ihres Geschäftsmodells?

Es ist wichtig zu verstehen, dass Rendite und Nachhaltigkeit keine sich ausschließenden Faktoren sind, zwischen denen es zu gewichten gilt. Die Zinsen sind zurzeit nicht deshalb niedrig, weil nachhaltige Anlagen keine Renditen abwerfen, sondern weil zu viel Liquidität im Markt ist. Die Bereitstellung von Geld ist keine Leistung mehr, weshalb das Zinsversprechen an Sparer*innen entsprechend relativiert wird. Um unser Gesellschaftssystem zu stabilisieren, müssen wir Geldströme in nachhaltige und zukunftsweisende Projekte lenken. Die Rendite für Anleger*innen ist die Folge solcher Investitionen, nie aber das direkte Ziel. Wir brauchen ein gesellschaftliches Umdenken hin zu einer ganzheitlichen und gestaltenden Funktion von Geld statt reinem Profitstreben.

Es ist wichtig zu verstehen, dass Rendite und Nachhaltigkeit keine sich ausschließenden Faktoren sind, zwischen denen es zu gewichten gilt.

Thomas Jorberg Vorstandssprecher der GLS Bank

Wenn wir gemeinsam auf die nächsten fünf Jahre blicken. Welche zentralen regulatorischen Schritte erwarten Sie auf EU-Ebene, welche erhoffen Sie sich und wo sehen Sie persönlich die entscheidenden Hürden auf dem Weg der Transformation der Gesellschaft zu mehr Nachhaltigkeit?

Die kommenden fünf Jahre werden entscheidend sein, wenn wir es als Gesellschaft ernst meinen mit der nachhaltigen Transformation. Im Moment diskutieren wir viel über CO2-Emissionen und den Klimawandel. Das ist sicherlich richtig. Es darf aber nicht vergessen werden, dass mit der Biodiversitätskrise wohlmöglich noch bedrohlichere Entwicklungen auf uns Menschen zukommen, die zurzeit bestenfalls am Rande mitgedacht werden. Nachhaltigkeit muss immer integriert und ganzheitlich gedacht werden, das ist das entscheidende Ziel.

GLS Bank Kund*innen setzen sich nun seit über 45 Jahren für ein ganzheitlich nachhaltiges Wirtschaften ein, trotz teils schwieriger Umstände. Denn obwohl der Apfel aus konventioneller Landwirtschaft uns als Gesellschaft ein Vielfaches mehr kostet als der Bio-Apfel, ist sein Kaufpreis teils deutlich niedriger. Wir müssen es schaffen, dass sich die gesellschaftlichen Kosten der konventionellen Lebensmittelproduktion im Preis wiederfinden: die Kosten für den höheren CO2-Ausstoß, für die schädlichen Auswirkungen auf Böden und Biodiversität, für die Gesundheitsrisiken. Eine ehrliche CO2-Bepreisung und eine Abgabe auf Spritz- und Düngemittel einzuführen, wäre ein richtiger, wichtiger und längst überfälliger Schritt in Richtung einer ganzheitlichen Betrachtung von Wertschöpfungsprozessen.

Dieser Schritt allein wird aus uns jedoch noch keine nachhaltige Gesellschaft machen. Es gilt vielmehr, eine Kostenehrlichkeit herzustellen, die wiederum unser Konsumverhalten so beeinflusst, dass wir unsere Lebensweisen den Kapazitäten unseres Planeten anpassen.

Diese Transformation muss unter allen Umständen sozial gerecht stattfinden. Ein bedingungsloses Grundeinkommen einzuführen sowie Kapitalerträge angemessen zu besteuern, wäre meiner Meinung nach der richtige Weg, die soziale Basis zu stärken und gesellschaftliche Teilhabe für alle Mitglieder dieser Gesellschaft zu ermöglichen.

Auf EU-Ebene ist in den letzten Jahren regulatorisch einiges passiert. Die EU-Kommission hat ihre Pläne für ein klimaneutrales Europa bis 2050 vorgestellt und endlich haben wir in Grundzügen eine allgemeine Definition von Nachhaltigkeit, so dass Greenwashing unterbunden werden kann. Dies reicht jedoch noch lange nicht, um unsere Nachhaltigkeitsziele und insbesondere das 1,5°-Ziel zu erreichen. Leider kontextualisiert die EU-Taxonomie CO2-Emissionen nicht, sodass unklar bleibt, ob eine Investition in ein konkretes Unternehmen kompatibel mit dem 1,5°-Ziel ist oder nicht. Denn wir dürfen nicht vergessen: nur weil Unternehmen vielleicht nachhaltig wirtschaften, sind sie noch lange nicht per se vereinbar mit unseren noch verbleibenden CO2-Budgets.

Zudem wurde mit der aktuellen Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik eine riesige Chance schlicht vertan, um die unsere Lebensmittelproduktion an den planetaren Kapazitäten auszurichten. Vielmehr sehen wir faktisch ein Bekenntnis zum „Weiter so!“.

Obwohl all diese Schritte längst überfällig sind, stelle ich mit Sorge fest, dass auch die Bundestagswahlprogramme der relevanten politischen Parteien unser gesellschaftliches Potential nicht ausschöpfen. Wir werden uns deshalb in den kommenden Wochen und Monaten weiterhin politisch engagieren und uns starkmachen für das 1,5°-Ziel und die UN-Nachhaltigkeitsziele. Es geht schließlich nicht darum, was wir bisher geschafft haben, sondern wie wir diese international vereinbarten Ziele erreichen können.

Bitte vervollständigen Sie den folgenden Satz: Nachhaltigkeit bedeutet für mich …

… ein ganzheitliches Denken und Handeln. Wir sind auf gesunde Lebensgrundlagen angewiesen und ein gutes Leben für alle lässt sich nur innerhalb der planetaren Grenzen und auf einer gerechten sozialen Basis realisieren.

Für das Update der Studie Sustainable Banking 2022 haben wir das in 2021 geführte Interview mit Thomas Jorberg um die beiden folgenden Fragen ergänzt.

Wir hatten im letztjährigen Interview u. a. auf die zu erwartenden regulatorischen Maßnahmen zur Transformation der Volkswirtschaft über den Hebel Kreditinstitute gesprochen. Sind wir aus Ihrer Sicht hier im letzten Jahr vorangekommen?

Die letzten Monate waren keine goldene Zeit für die Transformation. Als Reaktion auf den Angriffskrieg gegen die Ukraine und die dadurch ausgelöste Energiekrise manifestiert sich die fossile Infrastruktur eher noch. Neue Gasfelder werden langfristig erschlossen und Pipelines quer über den Kontinent gebaut. All diese Projekte werden weiterhin von Kreditinstituten finanziert und häufig sogar über staatliche Förderbanken abgesichert. Solange sich Investitionen finanziell rechnen, werden Banken auch die klimaschädlichsten Projekte finanzieren. Erst, wenn die realwirtschaftlichen Rahmenbedingungen so angepasst werden, dass sich solche Projekte schlicht nicht mehr rechnen oder Banken deutlich mehr Eigenkapital für die Nachhaltigkeitsrisiken vorhalten müssen, die sie sich über fossile Investments in die Bücher holen, werden wir eine deutliche Änderung wahrnehmen.

Welche Empfehlung hätten Sie für die Aufsicht? Würden Sie beispielsweise eher an der Taxonomie feilen oder eher an konkreten Kennzahlen ansetzen? Sie hatten ja im letzten Jahr nachvollziehbar deutliche Kritik an der Green Asset Ratio (GAR) geübt und auf die X-Grad-Kompatibilität (XDC) verwiesen. Diese von Ihrem Haus (mit)entwickelte Kennzahl gibt an, wie stark die Erderwärmung ausfallen würde, wenn alle Unternehmen eine Emissionsintensität wie das betrachtete Unternehmen aufweisen würden.

Die EU-Taxonomie hatte das Ziel, Transparenz über die Nachhaltigkeitswirkung einer Wirtschaftsaktivität herzustellen. Mit der Verwässerung der Kriterien und der Aufnahme von Atom und Gas führt sie sich jedoch selber inhaltlich ad absurdum und kann schon allein keine Steuerungskennzahl mehr darstellen. Wir müssen insgesamt weg von komplizierten Klassifikationssystemen und uns auf das Wesentliche fokussieren: Ist ein Unternehmen oder eine Wirtschaftsaktivität kompatibel mit dem Pariser Klimaziel oder nicht? Die XDC kann diese Kennzahl sein, nach der wir entscheiden können, ob wir auf dem richtigen Weg sind oder die Steuerung korrigieren müssen.

Die XDC kann diese Kennzahl sein, nach der wir entscheiden können, ob wir auf dem richtigen Weg sind oder die Steuerung korrigieren müssen.

Thomas Jorberg Vorstandssprecher der GLS Bank
Sustainable Banking

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Nachhaltigkeit ist aus der Branche Banking nicht mehr wegzudenken. Treiber sind zum einen die Initiativen von Gesetzgebern und Regulatoren. Aber auch Kunden stellen vermehrt nachhaltige, umweltfreundliche und klimaschonende Aspekte in den Mittelpunkt ihrer Finanzentscheidungen. Um den langfristigen ökonomischen Erfolg zu sichern sowie die regulatorischen Hürden zu meistern, müssen Banken frühzeitig ihre Geschäftstätigkeit auf Nachhaltigkeitsziele ausrichten und fit sein für den Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken.

Wie sieht die optimale Vorbereitung auf eine nachhaltige Zukunft in der Branche Banking aus? Dieser Frage gehen wir in unserer Serie Sustainable Banking auf den Grund. Mehr Informationen zu diesem Zukunftsthema finden Sie auf unserer Webseite.

Quellen
  • 1. Jorberg, Ökobanken – Nische oder DAS Geschäftsmodell der Zukunft?, in: Banking im Wandel, Hrsg. K. Wimmer/F. Schlottmann, Bretten 2021, S. 110

Prof. Dr. Konrad Wimmer

ist promovierter Diplom-Kaufmann und bei msg GillardonBSM für die strategische Themenentwicklung verantwortlich. Sein Fokus liegt auf den Themen Bankcontrolling, Finanzmathematik, Geschäftsfeldsteuerung, wertorientierte Vertriebssteuerung und Risikomanagement. Er berät Banken zu diesen Themen und ist erfahrener Referent und Autor.

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